Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 2.1904

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RHEIN-REISE

VON

JAN VETH
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AUT einer im 17. Jahr-
hundert aufgezeichne-
ten Ueberlieferung er-
wähnt Albrecht Dürer,
Köln auf seiner Reise
nach den Niederlanden
berührend, mit grossem
Entzücken Meister Ste-
phans Altarbild. Dem
Gemälde von Lochner, so soll er an die Bürger-
meister, die ihn herumführten, gesagt haben, hat
Köln mehr Ruhm zu verdanken als allem Andern,
was man ihm sonst zeigte, zusammen.

Ganz authentisch scheint die Geschichte nicht zu
sein und das kontobuchartige Reisejournal, das uns
von Dürers eigener Hand aufbewahrt blieb, meldet
nur trocken hin: Item hab' zwei weiss Pfennig geben
von der taffei aufzusperren, die maister Steffan in
Cöln gemacht hat, — und trotzdem liegt in dieser
Legende ein tiefer Sinn, und ist es von mehr als nur
historischem Wert, sich den grossen Renaissancisten
in demütiger Bewunderung vorstellen zu können
vor jenem jungfräulichen Werk, aus welchem die
fromme Phantasie des deutschen Stammes am alier-
unverdorbensten leuchtet.

Es ist klar, das kölner Dombild kann sich nicht
eines absoluten Linienwohlklanges rühmen und ver-
anschaulicht wenig von jener elastischen Organisa-
tion der Menschenformen, der Dürer einen guten
Teil seines Genies gewidmet hatte. In so weit er
nach bewusstem Positivismus strebte, gab es hier
wenig Genuss. Thatsächliche Unbeholfenheit in
der Gruppierung und bei feinem Sinn für klareFarben
doch kaum Kenntnis der Farbenordnung. Der teil-
weise vergoldete Grund weist übrigens auf einen
noch nicht ganz reifen Begriff vom Malerischen

* I. siehe Heft 10, Jahrgang I.

hin. Und doch, welche getragene Innigkeit liegt in
diesem ganzen Triptychon, welche Unschuldsmajestät
in der unter dem Gewicht ihrer Krone errötend
niederblickenden Mutter, welche göttliche Anmut
in den schüchternen Schultern, welche reine Schön-
heit in der weissen linken Hand, die den rosigen
Kinderfuss jenes Christus anfasst, dessen alabasternen
Körper ihre zarte Rechte kaum zu drücken wagt,
da Maria begreift, dass sie den allerköstlichsten
Schatz auf ihrem Schosse trägt.

Zweifelsohne glänzt die blühende von einem Ring
himmlischer Seraphinen wie von einem Kranz farben-
leuchtender Blumen umgebene Madonna in der
Rosenlaube dort in dem Museum in noch anziehen-
derer Lieblichkeit, und ist die stehende Madonna
mit dem Veilchen aus der erzbischöflichen Samm-
lung in ihrer minnigen Grazie von noch zarterem
Duft, — und nichts destoweniger ist das Dombild
unter allen Lochner mit Wahrscheinlichkeit zu-
geschriebenen Werken das vom grössten künstler-
ischen Wert. Es bedeutet in der Kunst Meister
Stephans dasselbe wie das Lamm Gottes in der Kunst
der van Eycks. Das was die von Joost Vydt ge-
stiftete Kapelle zu Gent für die vlandrische Kunst
jener Tage ist, giebt uns die Agnes-Kapelle des
kölner Doms für die kölnische Malerei.

Und ist nicht ausserdem etwas in Stephan Loch-
ners Bedeutung, was uns an jene der van Eycks
erinnert?

Das Lamm Gottes? Wir wissen, wie es einem
Holländer, der selbst bei Dürer in die Lehre
gegangen war, beim Anblick des genter Altarbildes
zu Mute wurde. Es war derselbe, der nach dem
Ausspruch seines Bewunderers van Mander uns
Niederländern aus Italien das Wesen der besten Weise
oder Gestalt unserer Künste brachte und vor Augen
stellte. Aber als Scorel zu Jahren gekommen und

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