Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 2.1904

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DER AKT IN DER BILDENDEN KUNST

VON

LOUIS CORINTH

„Dein Bestreben, deine unabänderliche Richtung ist,

dem Wirklichen eine poetische Richtung zu geben; die

Andern suchen das sogenannt Poetische, das Imaginative

zu verwirklichen und das giebt nichts wie dummes Zeug."

Goethe, Wahrheit und Dichtung.

|]AN steckt die Kopfe u-
\ammen und wagt nursich

flüsternd mit vorgehobener
Hand über dieses Thema ™
äussern, oder glattgemalte
elegante Frauenleiber mit
IM—JU schlankenBeinenundArmen
SSbdSSf dieses Namens in dem Ge-
dächtnis des Hörers empor- ^ästhetischen
Wie oft klingen einem bei K ^
Unterhaltungen Sätze in die Oür^
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Weibes u. s. w«; und die Dabeisn fe>
beistimmend zu solch weisen»ffig* sichnie
Diese Leute vergessen ganz, d«s einzwängen
in mathematisch abgegrenzte Formeln 6^
lässt, dass der Geist ein unsch^..G*J ^ ^
und das Spiel des Lichtes ^.eg^tande
die sonst nicht unter die Rubnk „schon g
werden. , • u mich nach
Vor jetzt sechzehn J*^,£& Berlin
vielem Umherirren auch tur einen
niedergelassen und ich -hwarn- ^ d
als Kaulquabbe lustig in ^.^^Xwelche Art
ohne dass wir viel daran d achte* al ^
Frosch sich der Eine oder der Andre ^
puppen würde. Aus dieser Zelt ü b
Wenigem ein Satz im Gedächtnis haften g
der von einem Kollegen geäussert wurde» ^
jetzt hoch bei Hofe angeschrieben ist und

ziers-Kasihos mit Kaiserbildnissen und Schlachten-
gemälden reichlich auszustaffieren hat.

Ich glaube ihn noch zu hören, wie er in seinem
rheinisch-schwäbischen Dialekt höchst gewichtig
herausschmetterte: „der Akt ist für die Malerei das,
was für die Sprachen das Latein ist."

Es handelte sich um ein Bild, Crucifixus betitelt,
von StaufFer-Bern. StaufFer selbst war vor nicht
langer Zeit nach Italien gegangen, seinem dämoni-
schen Verhängnis entgegen; desto freier zogen wir
über den Abwesenden her und diese Aeusserung:
der Akt ist das Latein der Malerei war das End-
resultat unsrer Debatte gewesen.

Die Behauptung war nicht so ganz unrichtig.
Dem Crucifixus fehlte vollständig der Ausdruck des
schweren Leidens, das Christus am Kreuze zu er-
dulden hatte; vielmehr stand auf dem Sockel des
Marterholzes ein gesundes athletisches Modell mit
ausgebreiteten Armen und mit dem Aussehen, als
wenn diese Stellung zwar nicht bequem aber immer-
hin recht lange von ihm ausgehalten werden könnte.
Jedoch kann dem Maler des Bildes, das jetzt in dem
Museum von Bern ist, eine bedeutende Begabung
für Form nicht abgesprochen werden; es weht nur
eine Kälte über das Ganze, die nahe an Eklekticis-
mus streift. Dieser Crucifixus war aber zu jener Zeit
gleich einer Oase in der Wüste. StaufFer-Bern zeigte
sich doch wenigstens — wie bereits vorhergesagt —
als ein Meister der Form, was von den wenigsten
Malern Deutschlands gesagt werden konnte.

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