Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 2.1904

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DIE GROSSE KUNSTAUSSTELLUNG
IN DRESDEN

VON

HANS W. SINGER

IE grosse Kunstausstellung, Dres-
den 1904, ist am 30. April feier-
lichst eröffnet worden. Gleich
ihren drei Vorgängern am Orte
zeichnet sie sich durch eine ganz
eigenartige Inszenierung aus, und
durch den Umstand, dass ganze grosse Abteilungen
in der Hand eines einzelnen Leiters lagen, nicht
den verschiedentlichsten mehrköpflgen Ausschüssen
überantwortet waren, infolgedessen sie viel plan-
mässiger und einheitlicher ausfallen konnten.

Numerisch hat in Dresden eine stete Steigerung
stattgefunden und ohne die sogenannte „Empire"-
Abteilung verzeichnet der Katalog diesmal schon
2378 Werke: von ihnen entfällt allerdings ein
rundes Tausend auf die graphische Abteilung allein
und weitere vierhundert Nummern kommen auf
die retrospektive Ausstellung der Malerei des
19. Jahrhunderts.

Prof. Kuehl hatte wieder die oberste Leitung
inne; er übernahm wie stets den Löwenanteil der
Arbeit und legte den Plan fest. Er hat sämtliche
Räume auf helle, freundliche Töne stimmen lassen,
dabei die Lichtzufuhr sehr gedämpft, und ist der
Absicht, die sich schon seit Jahren im Ausstellungs-
wesen kund giebt, das Ganze in eine Ansiedlung
intimer, in sich abgeschlossener Räume aufzulösen,
bis zum Aeussersten nahe gekommen. Grosse Säle
sind gar nicht mehr vorhanden, grössere Zimmer
überhaupt in der Minderheit, und es giebt kaum
mehr eine ,Flucht% die an sich schon zum Durch-

hasten einladet. Selbst eine Reisegesellschaft wird,
wenn sie hier eintritt, unwillkürlich „schwärmen".

Der Gastgeber, Dresden, schneidet in seiner
Abteilung (die den rechten Flügel des Gebäudes füllt)
diesmal recht gut ab. Von Kuehl selbst fallen wieder
mehrere treffliche dresdener Städtebilder, dann ein
farbig vorzügliches Bild der Geschäftsstube unserer
Hof-Chaisenträger mit den gelbuniformierten In-
sassen, auf. Zwei prächtige Landschaften Wilhelm
Ritters beweisen, wie er stetig im Ueberwinden
der Schwierigkeiten der Technik fortschreitet. Man
merkte schon vor etlichen Jahren, wohin er strebt,
aber erst jetzt hat er es erreicht, seinem Kolorit die
blendende Leuchtkraft etwa der Pointillisten zu
geben, ohne in deren störenden Manierismus zu
verfallen. Mit vier bedeutenden Bildern tritt Robert
Sterl in die Reihe der zu Beachtenden. Ich gebe
darunter dem Interieur „Arbeiterfrau ihr Kind
liebkosend" die Palme, und der wunderbaren
„Heimkehr vom Felde", die durch leidenschaftlich
glühendes Kolorit bestrickend und monumental
einfach erfunden ist. Die „trinkenden Feldarbeiter"
erwecken stofflich vielleicht mehr Anteil und sind
sicherlich ein prächtiges Werk; doch tritt meiner
Empfindung nach bei ihnen uns das rein künstlerische
Interesse nicht so abgeklärt entgegen. Von Bantzer
ist das ungewöhnlich vornehme Bildnis seiner Frau
hervorzuheben; doch ich kann auf das Einzelne
nicht weiter eingehen.

Dass von den Dresdenern Oskar Zwintscher
ein besonderes Zimmer eingeräumt wurde, Hesse

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