Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 2.1904

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EUGENE CARRIERE

VON

DORA HITZ

ihre

Lieber Herr H.

Ihr Vorhaben, in „Kunst und Künstler"
auch vonMalern Berichte über bildende Kunst
zu bringen, wurde von Vielen, und ich glaube
mit Recht, mit Freude begrüsst. Fehlt den
Künstlern manchmal die objektive Kühle
der Beurteilung, so werden dieselben doch
Manches, das ihre besondere Sympathie,
besondere Bewunderung weckt, vielleicht stärker
empfinden und wärmer vertreten als ein Kunst-
gelehrter.

Aus diesem „Vielleicht" versprach ich Ihnen
über Eugene Carriere für „Kunst und Künstler" zu
schreiben^ sobald ich wieder einmal in Paris ge-
wesen wäre. — Nun war ich dort und auch des
Oefteren bei Carriere, doch über Eugene Carriere
schreiben kann ich nicht. Ich kann nur von ihm
erzählen! lieber Eugene Carriere zu schreiben, das
ist, ihn als Künstler in seiner ganzen Bedeutung zu
würdigen, dazu gehört eine Kraft wie Justi, der
neben seinem Wissen zugleich auch das Verständ-
nis besitzt für das eigentliche Wesen der Malerei,
der das Wesentliche der Malerei erfasst hat mit
einem feinen und seltenen Instinkt wie sein Velaz-
quez bezeugt.

Ich selbst habe nur meine ganz persönlichen

EUGENE CARRIERE, FRAUENKOPF, RADIERUNG.

Gefühle und Empfindungen den Werken Eugene
Carrieres gegenüber.

•&

L'homme supe'rieur est celui qui a reconnu le ne'ant
et la nullite de toutes choses et de toute la vie et qui
ne'anmoins remplit sa fache ä la place oü il a e'te' mis
avec conscience et avec toutes ses forces.

Der Eindruck, den ich in Paris im Atelier von
Eugene Carriere vor und von seinen Werken hatte,
nachdem ich beinahe vier Jahre nichts mehr von ihm
gesehen, war ein unerwartet tiefer. Obwohl ich
seineKunstseitJahrenbewundre,warichvonihrnoch
nie so ergriffen worden. Ergriffen von der fabel-
haften inneren Kraft, die diesen mit so grosser Kunst
geschaffenen Werken innewohnt. Deshalb habe ich
wie noch nie empfunden, wie leer und unfähig
Worte sind, wenn man den Wert eines Kunstwerks,

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