Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 2.1904

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CHRONIK.

NACHRICHTEN, AUSSTELLUNGEN, ETC.

EinflüchtigerBesuch der grossen dresdner Ausstellung
lehrte uns, dass sie in zahllosen Beziehungen das Ideal
der Ausstellungen erfüllt: interessant zu sein. Sie ist
mit ausserordentlicher Vielseitigkeit geplant, mit grösster
Liebe, das merkt man an jedem der Säle, vielleicht noch
stärker als anderswo in dem Rodinsaale, ausgeführt.
Ihre Rückblicke auf vergangene Zeiten, das Menzel-
Kabinet, wo uns wieder der Anblick des „Bauern-
theaters", mit dem Sonnenlicht, das durch die Bretter-
lücken scheint, erquickte, sind ausgezeichnet. Mit
behaglichstem Staunen sieht man in der österreichischen
Abteilung die lebensvollen Ferdinand Georg Wald-
müllerschen Schöpfungen, geniesst die verschiedenen
Träger des Namens Schindler, wundert sich, dass der
ehemals vielleicht übertrieben verehrte Porträtmaler
Amerling so völlig hat vergessen werden können, ob-
wohl er Studien gemalt hat wie die in Dresden aus-
gestellten; und man bewundert die Feinheit Petten-
kofens, der um so feiner wirkt, je weniger auf seinen
Bildern dargestellt ist ■— am schönsten von ihm in
Dresden ist ein Garten mit etwas bläulich Rotem gegen
blaue Luft. Das alles ist Osterreich, zu dem Sachsen
besondere Beziehungen hat. Aber auch die deutsche
retrospektive Abteilung ist reich. Mit grossem Inter-

esse sieht man die Arbeiten Schwinds — eine Wieder-
holung von Schwinds reizendstem Bilde, dem Kinde am
Fenster am starnberger See, unter ihnen, dann sind
gute Feuerbachs da, eine Reihe Leibls, einige alte Len-
bachs. Von Lenbach sieht man noch einen Ludwig den
Ersten. Als Malerei freilich nicht bewundernswert.
Ausgezeichnet dagegen sein Liphartporträt, auch sein
Schleichporträt. Vor seinem Pilotyporträt muss man
lachen — so schicksalsschwanger ist das Gesicht. Piloty
hatte in der Tat solche Maske. Er sah wie ein General
aus Italien aus, der unter Wallenstein diente und ihn
gern aus dem Wege geräumt hätte; er war dabei harm-
los. Auch in der französischen retrospektiven Ab-
teilung hat man Anlass, der Ausstellungsleitung für sehr
Vieles dankbar zu sein. Ein wunderbares Bild sieht
man von Renoir: eine in einem Zimmer mit einem
Glaskasten und vielen Blumen stehende Dame von fast
hässlichen Zügen mit einem spitzigen Gesicht, miserabel
gezeichnet, wunderbar gemalt — mit etwas Rembrandt-
schem in der Sehweise und Machart. Dann findet man
einen Gericault ersten Ranges. Thomas Couture ist im
allgemeinen ein recht schlechter Künstler gewesen,
hier begegnet man einer Seltenheit von ihm: einem
annähernd guten Bilde, es stellt einen „oiseleur" vor.
Zwei schöne Corots erfreuen; sie sind in dem Kabinet

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