Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 2.1904

Page: 508
DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kk1904/0505
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
Nr. 3 zu finden, der eine von ihnen, ganz klein, bei-
nahe quadratisch, ist geradezu eine Perle. Dann tritt
man herrlichen Zeichnungen von Ingres gegenüber.
Sie sind in den Berichten von der Ausstellung längst
nicht genügend gewürdigt worden. Sie sind so, dass
sie selber für sich allein schon den Besuch der Aus-
stellung für einen Deutschen, der Ingres noch nicht
kennt, dringend erwünscht machen. Sie stammen
grösstenteils aus dem Besitze des als Porträtmaler so
steinernen, als Sammler so beweglichen Leon Bonnat.

Um so mehr, als dieser Sammler vornehmsten Ranges
veranlasst werden konnte, von seinen Schätzen einiges
herzuleihen — um so mehr hätte das Niveau der Ver-
tretung der französischen Kunst in der retrospektiven
Abteilung ein hervorragendes bleiben müssen. Ich
nähere mich mit Bedauern dem Schlüsse meiner Aus-
führungen. Von einigen Kleinigkeiten, die mich in der
französischen retrospektiven Abteilung störten, will ich
nicht sprechen. Manche Werke sind zu wertlos, um in
einer so kleinen Überschau — die nur Vorzügliches
bringen sollte — ihre Stätte zu finden: ein schrecklich
rosiges Bild von RosaBonheur (Kab. i). Andrerseits sind
manche Hängeungeschicklichkeiten vorgekommen: So
befindet sich ein kleines Bild von dem jetzt lebenden,
ganz jungen Maler Bonnard unter einem Bilde des
grossen toten Manet. Derlei kleine Übelstände der
französischen retrospektiven Abteilung sind der Rede
nicht wert, verderben die Laune nicht, sind wie
Schatten, die aufleuchtende Gegenstände fallen, der
folgende Augenblick verwischt die Erinnerung an sie.
Dahingegen muss ich einer traurigen Sache gedenken,
die wirklich die Laune verdirbt, über die man wirklich
der Ausstellungsleitung, richtiger wohl der Aufnahme-
jury, seine schmerzliche Verwunderung aussprechen
muss. Im Kabinet Nr. 3 hängen drei Bilder: „Corot, ita-
lienische Landschaft", „Millet, Strasse in Barbizon" und
„Delacroix, Heinrich IV. und Gabriele d'Estree." Dass
diese drei Bilder in die Ausstellung gelangt sind, ist,
meine ich, ein grosses Unrecht gegen unsere Pflicht
gewesen, die Grösse dieser drei herrlichen Meister
ehrfurchtsvoll zu beschützen!

Das Bild im Kabinet Nr. 1: „Delacroix, Löwe einen
Beduinen zerreissend" trägt eine gefälschte Unterschrift.
Wer Delacroix' Handschrift kennt, sieht es. Aber auch
wer nur psychologisches Gefühl für Handschriften mit-
bringt, kann wahrnehmen, dass so der gebildetste Maler
des 19. Jahrhunderts unmöglich geschrieben haben
konnte. Die sich in auffallend grossen Lettern über das
Bild hinziehende Unterschrift stammt von einem kultur-
losen Schönschreiber. Ein gewisser Spitzbubenhumor
liegt darin, dass der Mensch cynisch genug war, Dela-
croix' Handschrift nicht einmal nachahmen zu wollen.
Er nahm an, es gehe auch so. H.

EINE SCHULE FÜR FORMKUNST
Der in Berlin durch die sehr geistvolle Innenaus-
stattung des früheren Wolzogentheaters bekannt ge-
wordene Architekt August Endeil beabsichtigt hier eine
Schule für Formkunst zu eröffnen, die etwa nach den
Prinzipien geleitet werden soll, wie das von Obrist und
von Dobschütz in München gegründete Unterrichts-
institut. Endeil ist einer unserer eigenwilligsten aber
auch talentvollsten Nutzkünstler, von dem noch ernst-
hafte Leistungen zu erwarten sind; doch ist es wahr-
scheinlich, dass er ein noch besserer Lehrer sein wird.
Denn der Theoretiker ist neben dem Praktiker von je-
her stark in ihm gewesen. Er ist einer jener häufigen
modernen Künstler, die sich über jede Regung ihres
Talentes Rechenschaft geben, und wenn diese Art auch
der Produktivität nicht leicht zu Gute kommt, so nützt
sie um so mehr doch alle dem, was in der Kunst lehr-
und lernbar ist. Endeil sagt in seinem Prospekt: „Man
bezweifelt gewöhnlich, dass sich dieses (das freie Er-
finden in Farbe und Form) lehren lasse. Und sicher ent-
springt das Wesentliche im Kunstwerk der Persönlichkeit,
dem Temperament, dem Charakter, an denen alle
Erziehung bewusst wenig ändern kann. Man kann nie-
mand willkürlich zum Künstler machen, wohl aber den,
der künstlerische Lehrsucht hat, lehren, dieser Lehrsucht
Ausdruck zu geben, auf dem kürzesten, einfachsten
Wege, ohne tastendes Probieren. Man kann den Form-
sinn entwickeln, die Phantasie geschmeidig machen,
indem man dem Schüler den Gang des Erfindens un-
mittelbar vorführt, indem man für alle Formen, von
den einfachsten bis zu den verwickeltsten die Bildungs-
weise lehrt, bei jeder Formart die besonderen Schwierig-
keiten und die Wege zur leichtsten Ausführung zeigt:
gewissermassen eine Harmonielehre der Form, eine
ästhetische Geometrie."

Kunstunterricht nach solchen Prinzipien giebt es in
Berlin noch nicht, wie hier denn überhaupt kaum eine
Bildtingsgelegenheit für Solche, die sich praktisch und
nicht dilettantisch den Architekturkünsten widmen
möchten, zu finden ist. Wenn es Endell gelingt, die Ge-
fahr zu vermeiden, die für die Schüler in der eigen-
willigen Subjektivität seiner Formenwelt liegen könnte,
wenn er, wie er es vorhat, jeden Schüler individuell zu be-
handeln vermag, so können seineErfahrungen, Gedanken
und Kunstempfindungen nicht besser als für solchen
Unterricht angewandt werden. Es kann dieser Privat-
schule eine bedeutende Aufgabe zufallen und sie kann,
wenn sie den rechten Weg geht, nach mancher Richtung
das Gute wirken. Was besonderes Vertrauen erweckt,
ist, dass der Unterricht schliesslich in einem ernsten
Architekturstudium enden soll; damit ist nicht nur das
Ziel bezeichnet, sondern zum guten Teil auch der Weg.

K. S.

508
loading ...