Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 2.1904

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BÜCHERBESPRECHUNGEN

Emil Schäffer, das florentiner Bildnis.
München, Bruckmann, 1904.

Das innerste Denken und Fühlen der Menschen, die
Wandlungen ihrer Ideale im Laufe der Jahrhunderte
sucht der Verfasser aus ihren gemalten Abbildern zu
ergründen. Er hat Florenz gewählt, weil hier „das Bild-
nis zur Grundlage des ganzen Kunstschaffens wurde",
was man übrigens nicht ohne weiteres wird zugeben
können. Die stillen Leute haben dem eindringlich
Fragenden manche Antwort gegeben, die sie Anderen
bisher versagt haben mögen. Manchmal freilich scheint
er auch allzu eifrig ihnen die Worte von den Lippen
gelesen zu haben. Aber die starksubjektiveBetrachtungs-
weise giebt der Darstellung einen besonderen Reiz und
macht sich doch nicht so sehr geltend, um die Glaub-
würdigkeit der wesentlichen Beobachtungen erschüttern
zu können. Die Freude, die der Verfasser an seiner
Erkenntnis empfindet und die er in farbenreichem,
wenn auch oft nur schillerndem Vortrage mitzuteilen
weiss, die mannigfachen Anregungen, die er bietet,
geben der Studie ihre innere Berechtigung, mag man
auch im allgemeinen dieser etwas einseitigen Art der
kunst- oder kulturgeschichtlichen Betrachtung ablehnend

gegenüberstehen. In der That begnügt man sich jetzt
allzu häufig zur Erkenntnis des Wesens und der geistigen
Entwickelung einer Epoche eine einzelne Gruppe von
Monumenten herauszugreifen, statt die ganze Fülle
der kennzeichnenden Äusserungen des gesellschaftlichen
und künstlerischen Lebens auszunutzen. Die Gefahr
der einseitigen und allzu subjektiven Ausbeutung und
Ausdeutung auch von zufälligen und nebensächlichen
Momenten, der gewaltsamen Interpretation des Indi-
viduellen zur Begründung allgemeiner Betrachtungen
liegt zu nahe. In dem bunten, vielgestaltigen Geflechte
verfolgt der Blick allzu aufmerksam nur den einen
Faden und verliert leicht die Struktur des Ganzen aus
dem Auge. Dem Autor merkt man wohl das Bestreben
an, solche Einseitigkeit möglichst zu vermeiden, indem
er häufig litterarische Zeugnisse der Zeit zur Stütze für
seine Schlussfolgerungen mit heranzieht. Er giebt damit
aber auch zugleich das Zugeständnis, dass ein einzelnes
Stoffgebiet allein doch nicht Spiegelfläche genug bietet,
um das Bild einer historischen Entwickelung selbst bei
so lebhafter Beleuchtung ganz und treu wiedergeben
zu können.

P. K.

ZWEITER JAHRGANG, ZEHNTES HEFT. REDAKTIONSSCHLUSS AM 21. JUNI. AUSGABE AM ERSTEN JULI NEUNZEHNHUNDERTVIER
VERANTWORTLICH FÜR DIE REDAKTION: BRUNO CASSIRER, BERLIN. DRÜCK IN DER OFFIZIN VON W. DRUGULIN, LEIPZIG.
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