Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 2.1904

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PETER PAUL RUBENS

VON

ROBERT VISCHER

A>.

UF der breiten, gelind erhöh-
ten Marmortreppe eines Palast-
hofs Ankömmlingen begeg-
nend, so steht er mir im Sinn,
würdevoll, doch freundlich
und anspruchslos.

Schon seine Erschei-
nung, worin frei natür-
liche Vornehmheit mit
malerischem Wurf so
erfreulich sich eint,
lässt fühlen, dass die-
ser grosse Meister
auch ein grosser Herr ist und ein lebensfrischer,
durch schöne, harmonische Bildung ausgezeichneter
Mensch.

Sein einnehmendes Gesicht mag wohl mancher
nicht so famos gemeinfällig, nicht so Wallen-
steinisch elegant finden, wie er sich's vorstellt.
Der Mund bleibt gern ein wenig offen, zieht sich
aber bisweilen zusammen, als ob er etwas ein-
schlürfen würde, und gewinnt besonders durch
die volle, schräg vorliegende Unterlippe einen
ganz eignen Ausdruck sinnlichen Aufnehmens,
den die leichte Blähung der Nasenflügel noch ver-
stärkt. — Und wie ganz eigen berühren uns
auch diese sympathischen braunen Augen, die
bald still auf uns ruhen, bald etwas Lachendes

haben, etwas lachend Erwartungs- und Verständnis-
volles! —

Das ist ein echter Vlaeme — ein echter hell-
mütiger Franke — ein Landsmann auch für uns —.
Er erwidert unsren Gruss auf Deutsch und hat sich
ja stets als Deutscher gefühlt. — Und mehr: sein
Schaffen und Sinnen geht weit hinaus über die
nationalen Grenzen, er verkehrt mit den Fürsten
aller Länder, er spricht sechs Sprachen, er gehört
aller Welt. — Aber wenn wir den Umfang seiner
Sphäre durchmessen, so ruft er uns zur Hauptsache
zurück: er will für sich genommen sein. „Nam
oportet venire ad individua, ut dixi", so schreibt
er einmal an Franciscus Junius, und das wollen wir
auf ihn selber anwenden, denn er ist nicht nur ein
Sohn seiner Zeit, sondern auch einer ihrer Väter;
hoch über das Mittelmass ragend, „auf sich selber
steht er da ganz allein", ein autor sui, ein Mann
des urgewaltigen Schaffens und der weit rollenden
Wirkung.

Man hat die holländische Kunst und Kultur als
einen Teil der niederdeutschen, hanseatischen be-
zeichnet und könnte die belgische, trotz allem
Französischen und Spanisch-Römischen darin, mit
einbeziehen, denn wie die Holländer, so haben die
Vlaemen mit den Friesen und Altsachsen nicht nur
die platte Mundart gemein (d.*h. die auf der ersten
Stufe der Lautverschiebung stehen gebliebene

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