Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 2.1904

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SIENA UND SEINE AUSSTELLUNG

VON

GEORG GRONAU

IELE Kunstfreunde haben sich in
diesem Jahre veranlasst gesehen,
die Hauptstrasse von Florenz nach
Rom zu verlassen und seitab in
das stille Thal zu fahren, in dessen
il Mitte, weltabgeschieden und
gleichsam stehen geblieben seit den Tagen
der Renaissance, auf Hügelläufen sich Siena er-
streckt. Die Konkurrentin von Florenz, die mit der
kunstbegabten Nachbarin einst um die Palme
ringen durfte: wie ist sie nun so weit zurück-
gelassen' Was der Lokalgeist bedauern mag, der
Kunstfreund, der die ,evocation du moyen-ägee
sucht, muss es als glückliches Geschick preisen.
So blieb der ,Sena vetus' das Loos von Florenz er-
spart, dass der moderne Geist zerstörend seinen
Einzug in ihr gehalten hat. Ob noch für lange
freilich, das fragt man sich mit heimlicher Angst,
wenn man gegen den öffentlichen Garten, die Lizza,
hin ein Quartier niedergelegt findet, an dessen Stelle

sich die furchtbaren Kolonnadenbauten zu erheben
beginnen, die in allen Zentralen des Landes vom
Ungeschmack der Gegenwart zeugen.

Dringt man aber mehr ins Innere der Stadt,
folgt den Strassenwindungen zwecklos, indem hier
und da ein Bild reizt, es näher zu betrachten, so
mag man ganz sich vom Zauber alter Zeit umfangen
lassen. Und vollends am Mittelpunkt der Stadt,
dem amphitheatralisch sich senkenden Platz, wo
einst Jacopo della Quercia's Brunnen — Fönte gaia,
eine wie bezeichnende Benennung — gestanden hat
(durch eine Kopie ersetzt), stört kein Misslaut ein
rein erhaltenes Ganzes. Dem Nahenden steht hier
gerade gegenüber das stolze und trotzige Stadthaus:
ebendort hat man die von allen Seiten zusammen-
getragenen Kunstschätze, die, in dieser Stadt ent-
standen, hinausgewandert sind, im Lande ringsherum
die Kirchen zu schmücken, aufstellen wollen. Es
sind im ganzen vierzig Säle geworden.

Wer mit falschen Erwartungen kam, mag ent-

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