Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 2.1904

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TANAGRA

VON

FRANZ WINTER

DIE Tanagraterrakotten sind heute vielleicht
nicht mehr so ausgesprochene Lieblinge des
grossen Publikums, wie sie es in der ersten Zeit ihres
Bekanntwerdens, vor dreissig Jahren, waren. Das ist
natürlich, denn sie haben den Reiz der Neuheit ver-
loren, und es hat in einer Beziehung auch sein Gutes
gehabt, indem wenigstens die hässlichen Gipsnach-
bildungen so ziemlich verschwunden sind. Für den
Kenner und Sammler haben sie nur gewonnen. Ihre
Schönheit ist uns vertrauter, ihre Eigenart verständ-
licher geworden. Dazu haben die zahlreichen Funde
von Terrakotten beigetragen, die in den letzten
Jahrzehnten an den verschiedensten Stellen ge-
macht worden sind. Aus diesen Funden sind neue
Gattungen von Thonfiguren aller Epochen be-
kannt geworden. Wir sehen innerhalb der
Grenzen dieser an sich bescheidenen Kunstübung
den Wechsel der künstlerischen Ausgestaltung der
Formen und lernen den besonderen Charakter jeder
einzelnen Gattung aus dem Verhältnis der verschie-
denen zueinander und aus ihrer Zeit heraus ver-
* enen. Im Zusammenhange des nun gewonnenen
anzen bezeichnen die „Tanagrafiguren", soweit wir
unter üinen in dem allgemein gebräuchlichen Sinne
e feineren Stücke von Tanagra verstehen, einen

Höhepunkt der Entwickelung. Sie gehören dem
vierten Jahrhundert vor Chr. an.

Aber die Gräber von Tanagra gehen zum Teil
in frühere Zeit zurück und auch diese älteren haben
einen reichen Inhalt von Terrakotten gehabt. In
grosser Zahl sind noch die primitiv brettförmigen,
mit der Hand gekneteten und gleich den Gefässen
mit Firnissfarbe bemalten Figürchen vertreten, wie
sie Jahrhunderte lang in den Töpfereien fabriziert
worden sind, bis gegen oder um. die Mitte des
sechsten Jahrhunderts vor Chr. die Einführung des
Hohlformverfahrens über die erstarrte und wenig
entwicklungsfähige ältere Technik mit einem
Schlage hinaus führte.

Dieser für alle folgende Ausbildung der Terra-
kottakunst entscheidende Fortschritt wurde zuerst
in den altionischeen Fabriken an der kleinasiatischen
Küste gemacht, hier wahrscheinlich hervorgerufen
durch den Einfluss der Bronzebildnerei, die mit der
Anwendung des Gussverfahrens aus Hohlformen
vorangegangen war. Die antike Ueberlieferung lässt
uns in den samischen Künstlern Rhoikos und Theo-
doros, die als Meister der Bronzekunst zur Zeit des
Königs Kroesos lebten, die Erfinder des neuen Ver-
fahrens erkennen. Seine erste Ausbildung fällt zeitlich

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