Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 2.1904

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VAN DE VELDES TAFELSILBER

VON

HARRY GRAF KESSLER

IM vorigen Heft dieser Zeitschrift ist im dres-
denerMonatsbericht von van de Veldes Tafelsilber
kurz die Rede gewesen*. Der Verfasser der Notiz,
eine geschätzte Autorität auf dem Gebiet des Kupfer-
stiches, hat offenbar grosse und anerkennenswerte
Mühe aufgewendet, auch für Tafelsilber sich Prin-
zipien zu gewinnen. Aber er wird Nichts da-
gegen haben, wenn der Versuch, dieses Tafelsilber
einzuschätzen, hier, noch einmal unternommen wird.
Die Schönheit des Silbers ist der eigenartig tiefe,
feine Glanz, den Hammer und Feile in ihm ent-
zünden. Dieser zarte, aber wie aus Tiefen thätig
dringende Silberglanz unterscheidet sich von dem
Oberflächenspiel des Lichts am trägen Zinn ebenso
wie von der blonden Uebigkeit des Goldes, das
vom Licht durchtränkt in seiner Pracht am Ziel zu
ruhen scheint. Silber ist in seiner Aktivität das ein-

* Zur Kritik unseres H. W. S.-Mitarbeiters über van de Veldes
Tafelsilber wünscht Harry Graf Kessler seinen abweichenden Stand-
punkt zu vertreten. Wir haben ihm gern die Möglichkeit hierzu geboten.

zige Metall, das Geist zu haben scheint; wie Kupfer
immer eine Art von fahler Leidenschaftlichkeit.
Die Aufgabe des Silberkünstlers ist deshalb, diesen
thätig-zarten Glanz, der des Silbers Seele ist, hervor-
zulocken, für die Dauer anzuzünden und durch
Formen arabeskenhaft zu variieren.

Das haben bewundernswert die Silberschmiede
der Renaissance und des Barock durch Ziselierungen
gethan. Sie entzündeten den Silberglanz an Orna-
menten als Netzwerk von kleinen energischen
Schatten und hellen Lichtern in Fruchtkränzen und
Guirlanden. Die englischen Silberschmiede des
18. Jahrhunderts entdeckten den milderen Glanz
der schlichten Silberfläche. Die belebende Spur des
Hammers verstanden sie mit unerreichter Meister-
schaft zu erhalten und als solche doch dem Auge
zu entziehen, sodass nur die Belebung geblieben ist
ohne aufdringlich sichtbare Hammerschläge. Mit
den Tönen dieses zarten und geheimnisvollen Glanzes
spielten sie, — allerdings nicht sehr mannigfaltig, —

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