Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 2.1904

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LENBACH

VON

GUSTAV PAULI

ER sechste Mai dieses Jahres, in
dessen ersten grauen StundenFranz
Lenbach für immer die Augen
schloss, wird als ein bedeutsamer
Gedenktag in den Annalen der
deutschen Kunstgeschichte ver-
zeichnet werden. Denn wirklich war es ein Mann
des Schicksals, dessen Lebensgrenze dieser Tag
bedeutet. Mit fürstlichem Gepränge hat man ihn
zu Grabe getragen. Und wie er bestattet wurde,
so hatte er gelebt, in einem Glänze, der seinen
Verehrern als ein später Wiederschein grosser
Kulturzeiten erschien, in denen die Kunst den
Menschen mehr bedeutete als in unseren Tagen.
Lenbach verstand es, diesen Eindruck zu nähren.
Von geringer Herkunft hatte er gleichwohl den
Adel einer Herrennatur mit auf die Welt gebracht,
der unbedenklich und selbstbewusst seine Rechte
forderte und nahm. Mit grossen Herren verkehrte
er wie mit Seinesgleichen, scheinbar burschikos in
einem freimütigen Ton, der seine Grenze in ange-
borener Weltklugheit fand. Mit rivalisieren-
den Mächten ging er verwegen genug um. Seine
scharfe Zunge war gefürchtet, weil sie die Situation
beherrschte und mit einem Worte die Lacher auf
ihre Seite zu bringen wusste. Dabei gab es manches
Wehklagen über seine Rücksichtslosigkeit — man
denke an die letzte pariser Weltausstellung — und
manchen verhaltenen Groll. Dennoch hatte er in
dem Kreise derer, die persönlich mit ihm in Be-
rührung kamen, wenige Feinde und viele, die ihn

liebten und verehrten. Die Menschen suchen ja
so gern aller lieben Eitelkeit zum Trotz, einen,
dem sie sich unterordnen mögen; und ein solcher
war Lenbach. Zu seiner Ehre muss man sagen,
dass er Jüngeren, Hilfs- und Ratbedürftigen, allen
denen, die bereit waren, ihm zu folgen, ein gütiger
Gönner und Helfer war. Auch hier, in seiner Frei-
gebigkeit lag ein grosser Zug. So energisch er
seinen Vorteil wahrzunehmen wusste, so gelassen
konnte er opfern, wenn es galt, etwas Schönes zu
fördern. Das münchner Künstlerhaus hat ihn nicht
wenig gekostet, an seinen eigenen kleinen Palast
Hess er einen nicht erforderlichen Anbau fügen, nur
um ein Strassenbild verschönern zu helfen.

Nun werden viele Kränze seinem Gedächtnis
geweiht und allerorten verkünden es geschäftige
Federn, dass er der berühmteste der lebenden
deutschen Meister, der Führer der münchner Kunst
gewesen sei. In die Nänien und Dithyramben
mischt sich auch die platte Redseligkeit, um Anek-
doten aufzutischen. Jeder ehrt so gut er kann, auf
seine Art den Entschlafenen. Und doch ist es
schwer genug, grade jetzt schwer, von ihm zureden.
Wir stehen ihm noch zu nahe, um sein Wesen und
Wirken übersehen zu können, und die Ehrerbietung,
die die Majestät des Todes auch denen auferlegt,
die nicht zu den unbedingten Bewunderern Lenbachs
zählen, gebietet der kritischen Aeusserung Mass
und Milde. Nur andeutend können wir versuchen,
es auszudrücken, was Lenbach uns bedeutet habe,
Segen oder Verhängnis.

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