Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 2.1904

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Die Photographische Kunst im Jahre 1903.
Herausgegeben von F. Matthies-Masuren. W.Knapp,
Halle a. S.

Camera-Kunst. Eine internationale Sammlung
von Kunst-Photographien der Neuzeit. Unter Mit-
wirkung von Fr. Loescher herausgegeben von Ernst
Juhl. Berlin 1903.

Fritz Loescher. Die Bildnis-Photographie. Ein
Wegweiser für Fachmänner und Liebhaber. Berlin 1903.

Drei rühmlich bekannte Autoren auf dem Gebiete
der künstlerischen Photographie haben die Bücher her-
ausgegeben, die vor uns liegen. Matthies-Masuren und
Suhl erscheinen als Redakteure einer Sammlung von
Aufsätzen technischen kritischen und ästhetischen In-
halts, während Fritz Loescher es unternommen hat,
seine Erfahrungen auf dem wichtigsten Gebiete der
Photographie zusammenfassend, schriftstellerisch darzu-
stellen. Indessen ist für uns und vielleicht auch für
die Herausgeber das wertvollste an den drei Büchern
die grosse Zahl von Illustrationen, die den Text be-
gleiten — Illustrationen, an denen man vielfach unge-
trübte Freude haben kann. Sie zeigen uns in der
Vollendung moderner Reproduktionstechnik eine Reihe
der vorzüglichsten künstlerischen Photographien, Bild-
nisse und Landschaften — in der Mehrzahl von den-
selben trefflichen Meistern, unsern Landsleuten im
engeren und weiteren Sinne: Weimer in Darmstadt,
Erfurth und Kaupp in Dresden, Dührkoop und Hoff-
meister in Hamburg, Kühn in Innsbruck, Spitzer, Henne-
berg und dem verstorbenen Watzek in Wien. Dazu
kommen die Ausländer, an ihrer Spitze der Altmeister
der Photographie — Octavian Hill und seine Lands-
leute einer jüngeren Generation, die hervorragend
tüchtigen Amerikaner und ein paar, nicht viele, Belgier
und Franzosen.

Eine Besprechung dieser Publikationen in. einer
Kunstzeitschrift ist durch die Berührungspunkte der
Photographie mit der Kunst zu rechtfertigen und hat
nur die künstlerische Seite der Lichtbildner ei zu be-
handeln. Wenn man hier ein paar allgemeine Be-
merkungen notieren darf, so waren es die, dass der

Einfluss gewisser Maler und Kunstschulen auffallend,
bildend, aber auch nicht ganz ungefährlich ist. Wir
lassen es uns gern gefallen,wenn einige unserer deutsche n
Landschaftsphotographen auf denSpuren derWorpsweder
wandeln, wenn die Engländer im Bildnis sich Meister
wie Lavory zum Muster nehmen und in der Landschaft
die Schotten, dagegen ist es nicht einwandfrei,
wenn Edw. Steichen, der sichinjuhls Camerakunst
mit der Nervosität eines Whistler über Publikum und
Kritik äussert, Photographien liefert, die ungefähr wie
ein Lenbach oder Samberger aussehen. Ein Selbstbildnis,
das ihn mit Pinsel und Palette darstellt, verrät eine un-
angenehme Prätention. Der Photograph als Maler! —
Ein ähnliches Thema, wie Steichen in seinem Aufsatz
setzt sich Eugen Kalckschmidt in einem Artikel über
die Grenzen von Photographie und Kunst in der „Photo-
graphischen Kunst". Da der Autor dabei auch einen
von mir in dieser Zeitschrift veröffentlichten Aufsatz
bespricht, seien mir ein paar Worte zur Sache
vergönnt. Man kann der Ansicht sein, dass eine
Unterhaltung über die Frage, ob die Photographie
eine Kunst sein oder werden könne, müssiger
Wortstreit sei. Zweifellos erfordert die Photo-
graphie in ihrer besten Form eine Reihe von künst-
lerischen Eigenschaften, Geschmack, Gefühl für das
Wesentliche, Verständnis der Form, der Licht- und
Raumwirkung u. s. w. Aber solcher Eigenschaften be-
dürfen die besten Erzeugnisse einer Menge vonTechniken
und Gewerben, die man darum noch nicht Kunstwerke zu
nennen pflegt. Denn einstweilen versteht man unter der
wesentlichsten Qualität eines Kunstwerks noch die freie
Schöpferkraft, die das Bild entbehrt, das dem physisch
und chemisch wirkenden Lichtstrahl seine Entstehung
verdankt. Alle künstlerischen Eigenschaften des Photo-
graphen, die den Abzug der Platte veredeln, können
ihm diese höchste Originaliät nicht einblasen. Und die
Versuche eines Steichen, diese Grenzen zu verwischen,
sind unerquicklich. Seine Lichtbilder, voran sein Selbst-
porträt, wirken nicht mehr als Photographien, aber
auch nicht als Gemälde, sondern als die zwitterhaften
Nachahmungen von Gemälden. Gustav Pauli.

ZWEITER JAHRGANG, ZWÖLFTES HEFT. REDAKTIONSSCHLUSS AM 21. AUGUST. AUSGABE AM ERSTEN SEPTEMBER NEUNZEHNHUNDERTVIER
VERANTWORTLICH FÜR DIE REDAKTION: BRUNO CASSIRER, BERLIN. DRUCK IN DER OFFIZIN VON W. DRUGULIN, LEIPZIG.
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