Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 2.1904

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^ormen so viel Adel verliehen hatte, muss edel- Albrecht Dürer vor Stephans Altarbild: es war

g gerührt beim Anblick dieses in deutscher der Kämpfer für das Bewusste, ehrfurchtsvoll sein

spräche gemalten Wunderwerks gestanden Haupt beugend vor der preisgegebenen Schönheit

der kindlichen Anbetung. —

FRIEDRICH LIPPMANN

VON

JARO SPRINGER

|M 2. Oktober ist der Direktor des
Königlichen Kupferstichkabinets,
GeheimerRegierungsrat Dr. Fried-
rich Lippmann gestorben. Wenige
Tage vor seinem 64. Geburtstage

_________ist er einem argen Herzleiden

erlegen, das den bis dahin stets Gesunden nur
ein Vierteljahr lang gequält hat. Wenn bei
diesem Todesfall von Unersetzlichkeit gesprochen
wird, so ist es nicht die übliche Nachrede und
anders gilt das Wort als es.beim Gedenken schliess-
lich jedes Tüchtigen gebraucht wird, der pflicht-
mässig und mit Eifer seines Amtes gewaltet hat.
Es ist wahrhaftig so: für das berliner Kupferstich-
kabinet ist Friedrich Lippmann ganz unersetzlich.
Lippmann entstammt einer wohlhabenden Fa-
milie Prags, die im Vordergrund des geschäftlichen
und geistigen Lebens der böhmischen Hauptstadt
stand. Wer die erste Jugend in Prag verbringt, ge-
winnt in der malerischsten Stadt dieseits der Alpen
frühzeitig künstlerische Eindrücke. Der Name
Dürer wird bald geläufig, dessen berühmte in
Venedig geschaffene Altartafel, das Rosenkranz-
fest, sich seit Kaiser Rudolfs II. Zeit in Prag
befindet. Schon in seinen jungen grünen Jahren
sammelte Lippmann, das erzählte er gern, Kupfer-
stiche von Dürer, späte massige Abdrücke,
darunter auch wohl Kopien von Sadeler, die
im damaligen prager Kleinhandel für wenige
Kreuzer zu haben waren. Lippmann war Zögling
eines von Jesuiten geleiteten Gymnasiums seiner
Vaterstadt. Das gab ihm im späteren Leben Ge-
legenheit zu mancher launigen Bemerkung, die er
in seiner frischen humorvollen Art vorbrachte, an
der wir so oft unsere herzliche Freude hatten. Vom
weiteren Studiengang ist wenig bekannt geworden,
die übliche und regelmässige war es wohl nicht.
Jedenfalls hat er frühzeitig und gründlich das Aus-

land kennen gelernt, Italien, Frankreich und vor
allen Dingen England, das er sehr liebte und für
dessen gesellschaftliche und politische Zustände er
stets grosse Bewunderung äusserte. Der tüchtige
und praktische Zug des englischen Volkes musste
ihm sympathisch sein, da seine eigene Veranlagung
sich nach der Richtung dieser Eigenschaften be-
sonders entwickelt hatte. Seine Freude am Sammeln
alter Kunst wächst während der Reisejahre und
vervollkommnet sich naturgemäss im Auswählen
bester Stücke, die erst den Besitzer zufrieden stellen.
Er sammelt jetzt illustrierte Bücher, vornehmlich
Holzschnittbücher des 1 j. und 16. Jahrhunderts.
Am alten wohl erhaltenen Buch hatte er starke
Freude, da es ja mehr als Kunstwerke anderer Art
den Reiz unverwischten Altertums ausüben kann.
Dre Vorhebe für Holzschnittbücher und überhaupt

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Beste zu statten. Jene schöne Sammlung illustrierter
Bucher wurde nach Antritt seines berliner Amtes
Eigentum des Kupferstichkabinets. Bevor er aber
nach Preussen kam, war Lippmann Beamter des
osterreKfuschen Museums für Kunst und Industrie
in W en3 an d er mehrere ^ ^^^ ^

Rudolf von Eitelberber, Bruno Bucher und Jacob
von Falke wirkte. Im Jahre 1876 wurde Lipp-
mann Direktor des Kupferstichkabinets, dem er
aann 27 Jahre lang vorgestanden hat. Wer die
7 hatt^ durch ]ange Zeit unter ihm zu arbeiten,
Konnte allein die Kenntnis davon gewinnen, dass
Lippmanns ganzes Denken und Sorgen seinem Kabi-
net galt, mit dem sich persönlich zu identifizieren
sein allerbestes Recht war. Lippmanns Berufung
an die berliner Museen fällt in den Beginn der
Epoche des Ausbaus der staatlichen Kunstsamm-
lungen. Bei diesem Werk ist er einer der wesent-
lichsten Förderer. Den anderen Abteilungen und

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