Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 2.1904

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CHRONIK

NATIONALGALERIE. - Der Rücktritt Hugo
von Tschudis, der gerüchtweise gemeldet wird,
bedeutet mehr als einen Wechsel im Direktorium, er
bedeutet den Verlust einer Persönlichkeit. Wenn er
auch, wie man behauptet, in ein neues bedeutendes Amt
übergeht, in das Kupferstichkabinet, so berührt es uns,
als müsste er dort hinter geschlossenen Thüren wirken,
während hier in der Nationalgalerie ein Allen wahr-
nehmbarer belebender Einfluss von seinem Schaffen
ausging. Das neue Amt bringt ihm neue und schöne
Aufgaben, die Fortsetzung einer Thätigkeit, wie er
sie, bevor er in die Nationalgalerie eintrat, im alten
Museum ausgeübt hatte. Er wird auch ferner, hoffent-
lich in vermehrtem Masse, als Schriftsteller für die
moderne Kunst eintreten, er wird aber nicht mehr
in so grossen und wirksamen entscheidenden Hand-
lungen das weite Verständnis zeigen können, das er
von der modernen Kunst besitzt. Wer sich der National-
galerie erinnert, wie sie unter Jordan sich gestaltet
hatte, als sie ein Schlachtenmuseum, ein Zeughaus
ohne Waffen zu sein schien, vollbehängt mit Bildern,
an die man nicht mehr denken mag, der wendet
mit der grössten Dankbarkeit seine Gedanken Herrn
v. Tschudi zu, der eine moderne Herkulesarbeit ver-

richtete, indem er die Nationalgalerie von Werken be-
freite, die nur wegen ihrer Sujets hineingelangt sein
konnten und mehr als ein Herkules that, indem er in die
Sammlung für moderne Kunst neue Plastiken und Bilder
hineinbrachte. Sowohl dadurch, dass er die schlechten
Kunstwerke hinauswies wie dadurch, dass er die guten
brachte, hat er sich unvergängliches Verdienst erworben
— und, wir hoffen, Unzerstörbares geleistet.

Es ist am Platze, hier auch der schriftstellerischen
Arbeit eingedenk zu sein, durch die er dem Verständnis
für moderne Kunst einen so mächtigen Anstoss geben
sollte. Bei der Fülle von Schriftstellerarbeiten, die in
Deutschland, dem Lande, in dem man eher liest, als
dass man Bilder ansieht, den Malerideen eine so not-
wendige Unterstützung geboten haben, kann es misslich
erscheinen, von einer zu erklären, sie sei die beste ge-
wesen. Will man sich aber zu einer so kategorischen
Aussprache entschliessen, so kann kein Zweifel sein,
dass die beste deutsche schriftstellerische Leistung über
moderne Kunst der Aufsatz ist, den Tschudi im Pan
über Menzel schrieb. Der Aufsatz wurde historisch;
mit ihm beginnt eine Epoche völlig veränderter Einsicht
in die moderne Kunst.

Und diesen Mann verlieren wir an der Spitze

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