Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 2.1904

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AUS DER CORRESPONDENZ
VINCENT VAN GOGHS

VII.

Nuenen 85.

Das Bauernleben bringt so verschiedene Dinge
mit sich, dass das „travailler comme plusieurs neg-
res" wie Millet sagt, der einzig mögliche Weg ist,
es zu etwas zu bringen.

Man mag darüber lachen, dass Courbet sagt:
„Engel malen! Ja, wer hat denn je Engel gesehen?"

Aber ich möchte z. B. bei dieser Gelegenheit
von dem „Gerichtsverfahren im Harem" (das Bild
von Benjamin Constant) mit demselben Recht
sagen: Ja, wer hat denn je ein Gerichtsverfahren
im Harem gesehen ? Und so viele andere, maurische
und spanische Bilder: „der Empfang bei den Kardi-
nälen" u. s. w. Und dann all die historischen Bil-
der, die doch immer so lang wie breit sind. Wozu
denn das Alles ? Und was will man mit alle Dem ?
Das wird grösstenteil alles unfrisch und ledern, so-
bald einige Jahre darüber hingegangen sind, und
langweilt immer mehr und mehr.

......Wenn jetzt Kenner vor einem Bilde

stehen wie dem von Benjamin Constant, oder vor
irgend einem Empfang bei einem Kardinal von, ich
weiss nicht, welchem Spanier, so ist es ihnen zur
Gewohnheit geworden, mit einer tiefsinnigen
Miene etwas von „geschickter Technik" zu sagen.
Wenn aber dieselben Männer vor einer Scene aus
dem Bauernleben, z. B. vor einer Zeichnung von
Raffaelli ständen, würden sie die Technik mit der-
selben Miene kritisieren.

.....Ich weiss nicht, wie es Dir geht, aber

was mich betrifft, je mehr ich mich damit be-
schäftige, desto mehr absorbiert das Bauernleben
mich; und desto weniger kümmere ich mich um
die Cabanelartigen Sachen (zu denen ich auch
Jaquet und den heutigen Benjamin Constant rechnen
möchte) und um die vielgerühmte, aber auch unsag-
bar trockne Technik der Italiener und Spanier.
„Imagiers"! Ich muss immer wieder an das Wort
von Jacques denken — und doch habe ich kein
Vorurteil, ich habe Verständnis für Raffaelli, der
doch etwas ganz Anderes malt als Bauern, ich habe

(FORTSETZUNG)

Verständnis für Alfred Stevens, für Tissot — und,
um etwas zu nehmen, das ganz anders ist als Bauern,
ich habe Verständnis für ein schönes Portrait. —
Zola, der sich übrigens in seinem Urteil über Male-
rei meiner Ansicht nach kolossal vergreift, sagt in
„mes Haines" etwas Schönes über die Kunst im all-
gemeinen: „Dans l'oeuvre d'art je cherche, j'aime
l'homme, Fartiste." Siehst Du, das finde ich voll-
kommen richtig. Ich frage Dich, was steckt für
ein Mann, was für ein Beobachter und Denker,
was für ein Charakter hinter diesen gewissen Bildern,
deren Technik gerühmt wird ? Oft garnichts. Aber
ein Raffaelli ist jemand, ein Lhermitte ist jemand;
und bei vielen Bildern von fast unbekannten
Künstlern fühlt man, dass sie mit starker Energie,
mit Gefühl, Leidenschaft und Liebe gemacht sind.

Wenn man bedenkt, wie viel man zu laufen
und zu schuften hat, um einen gewöhnlichen Bauers-
mann und seine Hütte zu malen, so möchte ich
fast behaupten, dass diese Reise länger und be-
schwerlicher ist, als die, welche viele Maler für
ihre fremdländischen Sujets, — wie das „Gerichts-
verfahren im Harem", oder „den Empfang bei den
Kardinälen" — für ihre meist gesucht exentrischen
Sujets unternehmen. Tag ein Tag aus in den Hütten
und wie die Bauern auf dem Lande leben; im
Sommer die Sommerhitze, im Winter Schnee und
Frost ertragen, nicht drinnen im Zimmer, sondern
draussen, und nicht nur für einen Spaziergang, nein,
Tag ein Tag aus wie die Bauern selber.

Scheinbar ist nichts einfacher als Lumpensamm-
ler, Bettler oder sonstige Arbeiter zu malen, aber
es giebt kein Motiv in der Malerei, das so schwer
wäre wie diese alltäglichen Figuren. Es besteht,
so viel ich weiss, keine einzige Akademie, in der
man einen grabenden oder säenden Mann, eine Frau,
die einen Topf über das Feuer hängt, oder eine
Näherin zeichnen oder malen lernt. Aber in jeder
Stadt, und sei sie von noch so geringer Bedeutung,
ist eine Akademie mit einer Auswahl von Modellen
für historische, arabische, für alle in Wirklichkeit
nicht existierenden Gestalten, versehen.

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