Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 2.1904

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EINE KUNST- UND HOF-REDE

VON

KARL SCHEFFLER

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[OR einigen Jahren hat der Archi-
tekt Professor Johannes Otzen
während der pariser Weltausstel-
lung vor einem internationalen
Architektenpublikum eine Rede

_____[ gehalten, worin der Baukunst

säuberlich, mit erstens, zweitens und drittens, zehn
„Grundsätze" aufgestellt wurden, die den modernen
„anarchistischen" Kunstbestrebungen Einhalt thun
sollten. Damals haben die besten Berufsgenossen
protestiert, Cornelius Gurlitt, dessen Autorität selbst
von Akademikern nicht bezweifelt wird, hat sein
Entsetzen öffentlich ausgesprochen, HermannMuthe-
sius, einer der besten Kenner der neuen Baukunst,
hat lebhafte Töne der Abwehr gefunden und
schliesslich ist Otzen zu der Erklärung genötigt
worden, er hätte in Paris nicht im Namen der
deutschen Architekten, sondern nur für sich selbst
gesprochen. Wie schnell er sich zu modernisieren
verstanden hat, beweist nun eine neue Rede, die
in der Festsitzung der Akademie der Künste zur

Feier des Geburtstags unseres Kaisers,von ihm ge-
halten worden ist. Er erkennt nun an, worauf er
früher in starken Ausdrücken schalt,: und Dinge,
für die er damals nur Hohn hatte, liefern ihm jetzt
Material zur Erkenntnis der neuen,Entwickelungs-
ideen: Aus dem „Anarchismus" ist jetzt ein „Most,
der zuletzt doch noch 'nen Wein giebt" geworden.
Der Otzensche Vortrag ist bei S. Mittler & Sohn
im Druck erschienen. Es ist seltsam, dass man
nirgends in ihm den praktischen Architekten spürt.
Gustav Freytag hat einmal das gute Wort gesprochen,
die schönsten und wertvollsten Gedanken kämen
dem Menschen aus seiner Arbeit. Danach dürfte
man erwarten, Bedeutendes oder doch Eigenartiges
zu hören, wenn ein Künstler das Wort nimmt, um
über seine Kunst zu sprechen. Grade das aber,
was nur der Künstler sagen kann, was nur fürs
Atelier bestimmt scheint und die Aesthetik doch
so entscheidend beeinflussen kann, vermisst man bei
Otzen. Diesen Festvortrag hätte ein Tagesschrift-
steller verfassen können, der, ohne der Bewegung

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