Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 2.1904

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innerlich nahe zu stehen, aus den vorhandenen
Artikeln und Thatsachen geschickt etwas Neues
zusammenstellt. Aber der Tagesschreiber würde
ein besseres Deutsch schreiben; und er wäre nicht
kühn genug, — nein, das hätte er nicht gewagt —
Friedrich Nietzsche als Vater oder Schutzgeist der
modernen Architekturbewegung zu bezeichnen. Ab-
gesehen aber davon, dass höhere Ansprüche an den
Inhalt nicht befriedigt werden, dass auch das Urteil
oft irre geht, wie in dem Beispiel von der berliner
Hochbahn, ist es doch bemerkenswert, dass ein Se-
nator der Akademie in öffentlicher Sitzung die Be-
rechtigung moderner Warenhauskonstruktionen
zugiebt, die Denkmale von Schmitz lobt und selbst
die Bismarck-Rolandsäule in Hamburg gelten lässt.
Das alles wäre nun nichts Besonderes und be-
dürfte kaum der Erwähnung, wenn Otzen nicht in
der seltsamsten Weise aus seiner Bekehrung eine
Schlussfolgerung gezogen hätte. Der Redner sah sich
vor zwei einander widersprechenden Aufgaben. Ein-
mal wollte er den versammelten Künstlern sagen,
die moderne Architekturbewegung stelle „in ihrer
Gesamtheit, in ihrem Wollen und ihren besten Wer-
ken eine grossartige That dar, die sich den frucht-
barsten Perioden künstlerischen Schaffens wohl ver-
gleichen liesse", (eine masslose Uebertreibung, eine
falsche Behauptung!), und dann sollte er, einer alten
Gewohnheit folgend, den Kaiser als Schirmherrn
der Baukunst preisen. Da nun Jeder weiss, wie feind-
lich der Kaiser allem Modernen in der Kunst gegen-
übersteht, so war die Verbindung dieser Aufgaben
schwierig, wenn er nicht schon sagen wollte: ich
verstehe die Stellungnahme des Kaisers, weil ich vor
drei Jahren ungefähr auf demselben Standpunkt ge-
standen habe; jetzt aber möchte ich wünschen, dass
auch der Fürst wenigstens das von den modernen
Bestrebungen gelten liesse, was ich gelten lassen
muss. Der Redner hat anders gesprochen. Aus einer
Tonart heraus, die noch nicht gehört worden ist.

Mit kühner Nichtachtung historischer Thatsachen
bezeichnete er alle Hohenzollernfürsten als Kunst-
pädagogen und dankte dem. Monarchen begeistert
für seine parteiische Stellungnahme gegenüber der
modernen Kunst, weil durch die Ungnade allein,
durch das Niederhalten dessen, was zum. Leben
drängt, eine kräftige Entwickelung verbürgt würde.
Da ein pädagogisches Prinzip nur bewusst angewandt
werden kann, interpretiert der künstlerische Regie-
rungsrat die Haltung des Kaisers also dahin, dieser
1 ehne das Neue weniger aus Temperament und Ueber-
zeugung ab, als vielmehr aus Gründen einer weit-
schauenden Kunstpolitik, die aus Liebe züchtige.
Neu ist dieser Ton, man kann dieser Sophistik die
Bewunderung nicht versagen; doch stimmt sie auch
wieder sehr ernst.

Otzen muss in einer sehr regen Bauthätigkeit
erfahren haben, dass alle Kunst Resonanz braucht,
dass die Baukunst vor allem ohne Aufgaben, ohne
enge Beziehungen zu den Bedürfnissen des Lebens
ein Schatten bleibt, der in papierener Aesthetik
dahinstirbt und dennoch empfiehlt er dem Kaiser
durch ein schmeichelndes Lob die Unterdrückung
dessen, was er selbst als zukunftsreich anerkennt.
Hier steht mehr auf dem Spiel als das Problem, wie
ein Festredner sich glatt aus dem Dilemma winde.
Otzen weiss, dass'die Frage, wie der Kaiser zur Kunst
steht, für Berlin von einschneidender Bedeutung
ist. Dennoch konstruiert er eine Logik, die ihn
diskreditiert. Er kennt scheinbar nicht den für
einen Fürsten den ringenden Kulturkräften gegen-
über so wünschenswerten Standpunkt der Neu-
tralität und nennt „gesunden Widerstand", was in
Wahrheit eine übergrosse Begünstigung der aka-
demischen Richtung ist. Niemand erwartet von
dem Kaiser eine Förderung des Neuen gegen innere
Ueberzeugungen, nur die Zurückhaltung des un-
geheuren fürstlichen Einflusses, damit in dem Kunst-
kampf Kraft gegen Kraft stehe.

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