Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 2.1904

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DIE WESTMINSTER-KATHEDRALE
IN LONDON

VON

OSWALD SICKERT

ER aufmerksame Beobachter
des londoner Strassenbildes
ist wohl zu der Annahme
berechtigt, dass die zeit-
genössische englische Bau-
kunst einegefährliche Klippe
umschifft hat und in gutem
__ Fahrwasser ist, indem die
neue Kunstrichtung durch den roten Ziegelbau
energisch dem Stuck, den Säulen und dem Portal
bei den Bauen von Privathäusern und der Gotik bei
öffentlichen Gebäuden den Krieg erklärt hat. Es
gab eine Zeit, in welcher Konzessionen, die Sucht
nach Originalität, der Abscheu vor Allem, was
elegant, fein und symetrisch ist, die Vorliebe für
alles Rauhe und Schwere, das Schlimmste befürchten
Hessen; aber klare Vernunft und guter Geschmack
haben den Sieg errungen.

Der Artikel über Architektur in dem ersten
Supplement-Band der „Encyclopaedia Britannica",
der die letzte massgebende Darstellung der Geschichte
zeitgenössischer Baukunst in England ist, datiert
den Beginn der neuen Bewegung von dem Tode
der gotischen Renaissance, welche ein ihrer
würdiges Grab in den New Law Courts fand, nach-
dem sie ein halbes Jahrhundert geblüht hatte. Das

hätte wahrlich eine kraftvolle Mode sein müssen,
die diese unglückselige Gebäudemasse überlebt
hätte. Das Ende der gotischen Wiedergeburt ist
ein zweifelloser Gewinn, denn unter ihrer Herr-
schaft wurde das Land mit Gotteshäusern von höchst
ungotischer Geschmacklosigkeit und Kälte über-
schwemmt, und ihre einzige Wirkung bestand darin,
zu zeigen, dass die Gotik nicht nachempfunden, ja
nicht einmal nachgeahmt werden kann. Das echt
gotische Bauwerk ist in höchstem Maasse die Arbeit
vieler Geister, vieler geschickter Hände, vieler
Künstler, die wohl von verschiedener Wichtigkeit
sein konnten, aber Alle mit einem gewissen Mass
von schöpferischer Unabhängigkeit begabt waren.
In der Natur der Sache liegt es, dass der moderne
Architekt allein und einsam schafft. Die Unter-
nehmer und Arbeiter sind seine Maschinen, deren
Unterstützung sich nur nach dem Grad von ver-
ständnisvollem Gehorsam richtet, mit dem sie seine
Befehle ausführen. Das einfache Innere der neuen
Kathedrale* ist der glückliche Wurf eines Geistes.
Das schwierige Geschäft der Ausschmückung wird
früh genug die Schwachheit der jetzigen künstle-
rischen Verhältnisse zeigen, aber vorläufig will es
scheinen, als ob der Baumeister das Richtige erwählt

* Die man nicht mit der Westminster-^tfi verwechseln darf!

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