Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 2.1904

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DER HEIDEGARTEN

VON

ALFRED LICHTWARK

N jüngster Zeit beginnt man
in Hamburg, die Lüneburger
Heide nicht nur auf Fuss-
wanderungen oder Wagen-
fahrten zu besuchen. Die
Schönheit des Geländes lockt
zur Ansiedelung, und es

___ scheint, als ob die Zeit nicht

fern ist, wo die Heide für den Hamburger eine
ähnliche Bedeutung haben wird, wie das nahe
Gebirge für den Wiener oder Münchner. Kom-
men erst die bessern Bahnverbindungen so durfte
sie für die Bewohner der wachsenden Gross-
stadt ein Zufluchtsort werden, der nicht nur als
Sommerfrische benutzt wird, sondern bald auch rur
das ganze Jahr einen gesunden Landaufenthalt bietet.
Der Engländer sucht ihn in noch grösseren Ent-
fernungen von seinen Grossstädten auf Heute nocn
genügt bei uns eine halbe Stunde Eisenbahnfahrt um
tiefe Einsamkeit zu erreichen. Was sich in Hamburg
vorbereitet, die Flucht aufs Land, lässt sich in allen
deutschen Grossstädten beobachten.

Die Besiedelung, die in unsern Tagen beginnt,
mahnt an Vorgänge in fernen Urzeiten oder unter
entlegenen Himmelsstrichen, denn in den meisten
Fällen hat der Boden, der nun bebaut wird, Spaten
oder Pflug noch nie gefühlt, und der Stoff der
dünnen Humusschicht, die die unergründlichen
Sandschichten der Heide bedeckt, hat nur als Heide-
kraut und Ginster, als Käfer, Vogel oder Wild
gelebt, aber noch nicht, wie der Staub der alten
Kulturstätten, dazu gedient, die Leiber zahlloser
Menschengeschlechter aufzubauen.

Die ersten Besiedler dieser Heidestrecken haben
es nicht leicht. Sie pflegen zuviel Gepäck an fer-
tigen Vorstellungen, an Wünschen und Absichten
mitzubringen. Das hindert sie, wie unsere Vorfahren
zu handeln, die bei allem, was sie thaten und schufen
das Selbstverständliche suchten. Wir sind noch
nicht wieder so weit. Wir wollen lieber das un-
erwartete, wo nicht das Unerhörte, wir ziehen noch
immer dem Angemessenen das Romantische vor.

Zwar ist im Hausbau eine Besserung schon an-
gebahnt. Aber sie bleibt äusserlich, so lange nur
der gute Wille des Architekten an der Arbeit ist,

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