Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 2.1904

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erkannt sein werden, ein Geschlecht von Kultur-
politikern entstehen wird, die nicht wie heute in
Preussen die Kunst staatlich regeln wollen, sondern
versuchen werden, die Macht des Staates zu be-
nutzen, um die Eigenart in der Kunst vor Be-
drückung zu schützen und um dem Talent Gelegen-
heiten zu eröffnen, frei nach seinem Gewissen
zu schaffen. — Ich glaube das, weil solches
Wirken im Sinne des Gebots wäre, das im mo-
dernen Bewusstsein immer deutlicher tönt und
immer mehr zum Rückgrat des ethischen Wollens
wird, des Kundrygebots, das auch zugleich im
Zarathustragebot enthalten ist: dass Jeder immer
dem Höherbegnadeten dienen soll.

Ein vorbildlicher Typus dieser Art war der
grosse französische Ministerialdirektor Chenne vieres,
der der wütendsten Opposition zum Trotz Delacroix
seine epochemachenden Monumentalaufträge ver-
schaffte und später die Wände des Pantheon nachein-
ander an Millet und Puvis de Chavannes vergab.

Für Deutschland ist es von guter Vorbedeutung,
dass eines von seinen grossen Geschlechtern, die

Wettiner, seit Jahrhunderten immer wieder Kultur-
politiker dieser freiheitlichen Art hervorbringt.
Jedesmal wenn die deutsche Kultur sich neuen
Zielen zuwandte, sind die neuen, eigenartigen Geister
vom Haus Wettin in Thüringen gefördert und ge-
schützt worden. Luther und Cranach, Herder und
Goethe, Liszt und Wagner waren Moderne für
ihre Zeit und wurden als solche in Weimar auf-
genommen. Denn hier gilt schon lange die Ver-
teidigung und Begünstigung der Eigenart ohne
Einmischung in ihre Bethätigungen als Staatsgrund-
satz. Dem verdankt Weimar seine lange Vorherr-
schaft in der deutschen Kultur; ein glänzender Be-
leg für die Fruchtbarkeit dieses Prinzips im Staats-
leben. Und der junge Fürst, der jetzt regiert, hat
bewiesen, dass er die stolzen Traditionen seines
Hauses fortzuführen fest entschlossen ist.

So bedeutet denn für den Künstlerbund seine
Heimat Weimar nicht blos einen Rückhalt, sondern
zugleich das glänzendste Vorbild in deutschen Lan-
den derjenigen Art der Kunstförderung, für die
diese neue, starke Vereinigung gegründet ist.

BEIM TODE GEROME'S

EIM Tode Ge'römes., der am 8. Januar
erfolgt ist, erhoben mancheAnhänger
der Impressionisten ihre Stimme und
klagten den im achtzigsten Lebens-
jahr gestorbenen Maler von neuem
an, dass er es gewesen sei, der die Annahme
der impressionistischen Schenkung Caillebotte's
für das Museum des Luxembourg beinahe mit
Erfolg hintertrieben hätte. Das war jedoch un-
mässig von den Anhängern der Impressionisten.
Sie hätten Ge'röme im Tode ruhen lassen sollen.
Er war so lange Zeit vor den Impressionisten
gestorben, dass er sie nicht mehr erleben konnte.
Er war sechsundvierzig Jahre alt, als ihre ent-

scheidenden Schöpfungen auftauchten. Das ist kein
Alter; Geromes sterile Natur hatte aber bereits
in diesem Alter keine Möglichkeit mehr, sich zu
erneuern.

Eher würde es am Platze sein, Ge'rome anzu-
greifen, weil er auch Millet nicht verstand, obgleich
er zehn Jahre jünger als Millet war. Aber alles au-
delä widerstand ihm. Er begriff auch Corot nicht,
lieber Millet hörte ichihn einmal entsetzlich schelten.
Er sagte, er entspräche nicht dem „esprit clair"
der französischen Rasse. Es war, als wären nicht
Millet und Gerome durch die Rasse vereinigt. Er
sprach von Millet so fremd wie Pailleron von
Ibsen.

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