Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 2.1904

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EIN WORT

ÜBER MILLET

VON

JOZEF ISRAELS

Was glänzt, ist für den Augenblick geboren.
Das Echte bleibt der Nachwelt unverloren.

Goethe.

Diese Worte des grossen Dichters können
hier mit Recht als Motto gelten.

Nicht glänzend, aber echt natürlich, nicht
das Auge durch Farbenpracht blendend, aber
einfach und durchdacht ist die Kunst von Miller.

Die Zeit liegt weit hinter uns, da man
Millet einen groben Maler hässlicher Menschen
nannte; da man diesen kundigen und stilvollen
Meister plump und ungebildet fand; da man
erstaunt und ungläubig die Achsel zuckte, wenn
manche meinten, er habe seine Kunst der Antike
abgesehen und viele wähnten, dass jedenfalls das
Schöne in eigentlichem Sinne weit ausser ihm
zu suchen sei. Wundern darf man sich über die
Wandlung, welche Millets Arbeit in diese An-
schauungen gebracht hat; und in der Kunst-
geschichte giebt es kein Beispiel eines so voll-
kommenen Sieges über die Anfeindung eines Augenblickes, eines solchen Verstandenwerdens nach soviel
Missverständnis.

Schwer ist es den Weg zu bestimmen, der diesen äusserst eigenartigen Künstler zu dem Stand-
punkte führte, zu dem er sich aufschwang.

Inbrünstig und voller Glauben an die allein seligmachende Macht, welche von einer eigenen
Anschauung der Natur ausgeht, war er zugleich ein emsiger Arbeiter und forschte denkend nach

I, F. MILLET, EINE SPINNERIN

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