Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 2.1904

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den Mitteln, um sich auszusprechen. Wie jeder
Durchschnittsschüler verbrachte er seine Jünglings-
jahre auf Zeichenschulen und Akademien. Er be-
suchte eine Zeitlang das trockene systematisierende
Atelier von Paul Delaroche. Im Louvre befragte
er die grossen italienischen Meister nach ihrem
Leben und Michel Angelo verehrte er über
alles.

Fasst man wohl, welch einen Weg Millet durch-
wanderte, um von solchen Studien bis zu den
Werken zu kommen, die man von ihm bewundert?
Empfindet man, wie viel in diesem Künstierhirn
vorging, das nachdem es mit der reinsten Tradition
angefangen hatte, mit der freiesten, eigensten
Aeusserung des Geistes endete, so dass man sich
versucht fühlt, zu behaupten, keine Schule, welche
auch immer in seiner Arbeit erkennbar, kein grosser
Meister habe auf sein Werk einen Einfluss geübt.
Wir wollen aber nicht dabei verweilen, den ge-
heimnisvollen Schleier zu lüften, der über jedes
Künstlertalent gebreitet ist, sondern uns der bedeut-
samen Rolle freuen, welche Millet in der Maler-
welt gespielt hat. Ihm haben wir zu danken, dass
das Menschliche des Alltags auf den Thron erhoben
ist, den es beanspruchen darf, dass nicht nur die
Geschichte von Königen und Eroberern, von Hei-
ligen und berühmten Männern die Gegenstände
bildet, durch die ein erhabener Meister sich in-
spirieren lassen darf, sondern dass dem Arbeiter,
der das Land pflügt, der Mutter, welche ihren
Säugling nährt, dieselbe Liebe gewidmet werden

darf und gleichgrosse Schönheit zuerkannt werden
kann wie jedem Gegenstand der uns umgebenden
Schöpfung.

Dabei hat er der konventionellen Behandlung
und Ausführung ihren Wert genommen; er hat
bewiesen, dass jede Art, welche der Künstler geeig-
net befunden, für ihn die richtige ist, und dass
man sich nicht zu kümmern braucht um das, was
andere als unbedingt notwendig proklamiert haben.
Man wird von jetzt an wissen, wie wechselnd das
Urteil, wie veränderlich die Ansichten über Kunst
und Künstler sind. Millet ist ein Mann, der im
Anfang seiner Laufbahn und noch lange später für
ganz etwas anderes gehalten wurde als er in Wirk-
lichkeit war und der, nachdem er so falsch beur-
teilt worden, endlich als der originellste Künst-
ler der bildenden Kunst vor uns steht, welchen
dieses Jahrhundert aufzuweisen hat. Manchem
Kunstkritiker, der das Publikum aufzuklären
meint, mag wohl eine Empfindung von der Gefähr-
lichkeit seines Berufes kommen. Er wird zugeben
müssen, dass bei manchen, von ihm nicht verstan-
denen, sogar verabscheuten Werken .die Schuld
wohl mal bei ihm und nicht bei dem Kunstwerk
zu suchen ist. Der Gedanke an Millet wird auch
ein ermutigendes Gefühl im Herzen der strebenden
Künstler erzeugen: er wird ihnen zurufen, dass nichts
den Mann niederbeugen kann, der wirklich etwas
zu sagen hat, der mit Ausdauer und Ueberzeugung
sein Tagewerk vollbringt, so lange ihm die Sonne
scheint.

I. F. MILLET, EIN PAAR SCHUHE
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