Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 2.1904

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Sie beweist es noch deutlicher, indem sie nichtnur
bestimmte Kunstwerke sondern bestimmte Künstler
verfolgen lässt, deren Unabhängigkeit sie gereizt hat.

Der preussische Kultusminister hat ein Bild von
Walter Leistikow, das die Landeskunstkommission
einstimmig zum Ankauf für die National-Galerie
angenommen hatte, abgelehnt, ohne es überhaupt
zur königlichen Genehmigung vorzuschlagen; denn
er dürfe ein Werk von Leistikow nicht kaufen.

Derselbe Herr hat bei einer vom deutschen Vize-
konsul in Chicago geplanten Ausstellung deutscher
Bilder auf Grund eines preussischen Zuschusses die
vom Organisator der Ausstellung, dem Akademie-
Professor Arthur Kampf, vorgeschlagenen Secessio-
nisten von vornherein sämtlich gestrichen. Und
dieses neue Verwaltungsrecht ist dann später auch
bei den Vorbereitungen für St. Louis zur Anwendung
gelangt. Denn, wie bekannt, ersetzte das Reich eine
Kommission, die es mit den Bundesstaaten zusammen
berufen hatte, plötzlich, ohne die Einzelregierungen
wieder zu fragen, durch eine andere Körperschaft,
als ihm klargemacht worden war, dass die Kommis-
sion den secessionistischen Künstlern günstig sei;
ein besonders feinfühlig dem Geschmack von Chi-
cago und St. Louis angepasstes Vorgehen, wenn
man weiss oder durch einfache Erkundigungen er-
fahren konnte, dass in den öffentlichen und privaten
Galerieen Amerikas, im Metropolitan Museum in
New-York, in den städtischen Museen von Chicago
und Boston, in den grossen Privatsammlungen von
Shaw, Vanderbilt, Havemeyer, Mrs. Palmer und
den andren Milliardären, neben den alten Meistern
diejenigen modernen Franzosen dominieren, welche
die Kunst von der Schablone befreit haben, Millet,
Corot, Puvis de Chavannes, Delacroix, Manet, Degas,
Monet, Cezanne. Bekanntlich ist ja sogar Amerika
das Land, von dem die Schätzung der Impressio-
nisten in den 8oer Jahren ausgegangen ist: seitdem
ist der Export französischer Bilder auf jährlich
^.Millionen Mark gestiegen, der von deutschen bis
auf 400,000 M. heruntergegangen. Und um diesem
Geschmack entgegenzukommen und unsere Ausfuhr
zu heben, schicken wir, unter Ausschluss von unseren
Impressionisten, Grützner und Anton von Werner
hinüber.

Die Absicht der bezeichneten berliner Gruppe
ist also, so wie der preussische Kultusminister es
nach ihrem Wunsche thut, die unabhängigen Künstler
gänzlich auszumerzen. Aber da dies nicht immer ganz
und gar möglich ist, so verfolgt sie ihr Ziel manch-
mal auch indirekt. Sie giebt vor, die eigenartigen

Künstler dulden zu wollen; nur sollten sie wenigstens
„nicht mehr" Platz und Rechte beanspruchen als die,
die ohne besondres Talent ausstellen. Und überdies
sollten die Talente sich von den Erwählten der
Mittelmässigen hängen lassen. Schwach vertreten
und geschickt verteilt ertrinken sie dann in der
Masse von selbst.

Am amüsantesten zeigt sich diese Taktik in
gewissen Aeusserungen von einer nur leicht ver-
hüllten „hochgeschätzten Seite" in der Weserzeitung
vom 3 I.Dezember 1903. „Die Bundesstaaten und
die resp. Kunststädte können nur nach Massgabe

der Zahl ihrer Künstler behandelt werden.....

Wenn München 1000 Künstler zählt und Berlin
nur 500, so hat München Anspruch auf den doppelt
so grossen Raum bei Ausstellungen, wo die deutsche
Kunst vertreten sein soll, wie Berlin; das ist ein
unantastbarer und loyaler Standpunkt." Wie würde-
voll und weise! Aber unantastbar und loyal dann
auch bei unseren Museen, die, wie mir scheint,
ebenfalls dazu da sind, damit in ihnen „die deutsche
Kunst vertreten sei". Die Statistik der in einer
Stadt bis dahin vermalten Leinewand müsste ent-
scheiden, wie viele Quadratmeter im Museum ihr
gebührten. Das wäre der Triumph dieser neuen,
der statistischen Methode bei der Auswahl von
Kunstwerken, und das Talent wäre endgültig an
den ihm gebührenden obskuren Platz verwiesen;
was für die angeführte „hochgeschätzte Seite",
deren Malerei mit ihrem litterarischen Stil eine so
fatale Aehnlichkeit hat, allerdings nicht von Nach-
teil wäre.

Aber die Finte unter der Maske der Gerechtig-
keit täuscht Keinen. Wohin die krummen wie die
graden Wege führen, bleibt deutlich. Die Männer
und Minister dieser Gruppe handeln im hellen Licht
ihrer Stellung, wie von jeher die obskure Menge ge-
gen Persönlichkeiten in der Kunst gehandelt hat, wie
Kleons Keulenmänner gegen Phidias, wie die Pe-
danten, die der Aretiner verspottete, gegen Tizian,
wie die reichen Krämer von Amsterdam gegen Rem-
brandt. Neu ist nur, die höchsten Staatsbehörden zu
dieser Jagd benutzt zu sehen. Aber das Ziel ist ewig:
die Persönlichkeiten in der Kunst auszumerzen,
um Platz für die Andern und Vielen zu schaffen.

Gegenüber dieser in der menschlichen Natur
fest begründeten Tendenz gilt es, eine Gegenmacht
aufzurichten, die dem Talent die Möglichkeit
sichert, ungefährdet seinem künstlerischen Gewissen

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