Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 2.1904

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gelassen werden soll. Schon sieht man hier und da
recht trivial aussehende Säulen, Monolithen aus
buntem Marmor mit kleinlich geschnitzten, weissen
Kapitalen in den Seitenflügeln zwischen den grossen,
viereckigen, ersten Ziegelpfeilern. Natürlich werden
die Säulen weniger trivial wirken, wenn erst das
Uebrige mit Marmor bekleidet und in farbige Felder
geteilt sein wird; wie die sich uns aber jetzt zeigen,
bleibt kein Zweifel, dass die aus einem Stück be-
stehende Säule ein weniger wirksamer Bestandteil
der Baukunst ist als der aus vielen Stücken zu-
sammengesetzte Pfeiler, dass die Entfaltung von
Farben, die in der Natur vorkommen, ein fremdes
Element bleibt inmitten einer Schönheit, die ein
Werk des menschlichen Geistes ist, und dass die
farbenprächtigste Materie, dem Schosse der Erde
entrissen, den Gehalt des Kunstwerks nicht erhöhen
kann. Es ist besonders zu bemerken, dass die Sach-
verständigen die Anwendung von Monolithen,
buntem Marmor und Granit bei einem stolzen Bau-
werk für wesentlich erachten. Es ist klar, dass
verde antico, cippolin, breccia, ja selbst roter
Granit, unter gewissen Bedingungen wirksam an-
gebracht werden können, aber eigentlich sind sie
ungünstige Vermittler. —Jeder wird sich unbedingt
fragen, wie jemand das Herz haben kann, die Ziegel,
die so eindrucksvoll wirken, unter einer Verkleidung
zu verstecken. Der Beschauer wird sich verwundert
fragen, ob nicht die notwendige Ausschmückung,
die Errichtung der Kapellen mit eingerechnet, durch
Eiche und irgend ein weisses Gestein hätte erzielt
werden können. Das hätte das Architektonische
verschönt ohne es zu verdunkeln.

In der Aussen-Ansicht finde ich jene Eigen-
schaften nicht wieder, welche die ernste und einfache
Grösse des Innenraums so ergreifend gestalten. Eine
Autorität im Baufach hat sich über den Aussenbau
dahin geäussert, dass er eine bewunderungswürdige
Entfaltung von Geschicklichkeit und ein erstaun-
liches Vorstudium darin finde, „dass er dabei aber
jenen Zauber der Sympathie vermisse, dem man
nicht widerstehen kann." Die Laien werden den
zweiten Teil dieser Kritik leichter verstehen als den
ersten. Was in dem Gebäude, von aussen gesehen,
befriedigt, ist der Eindruck vollster Selbstverständ-
lichkeit. So wie es in seiner Vollendung dasteht,
muss es der Zeichner beabsichtigt haben, es zeigt
keine Spuren des Kompromisses, der Schwäche oder
des Schwankens. Aber der Kontrast der roten Ziegel
zum weissen Gestein wirkt unruhig, und der Be-

schauer erhält aus den Massen kein Bild von orga-
nischer Uebereinstimmung.

Ein grosses Gebäude in einer gedrängten Stadt
— und die Westminster-Kathedrale steht auf einem
engen Platz — muss die Probe auf eine nahe Nach-
barschaft bestehen können, wenn es eine uner-
schöpfliche Quelle des Genusses sein soll, und dazu
gehört entweder eine so vollendete Harmonie im
Bau, dass keine Nachbarschaft sie zerstören kann
(wie es bei Wren's St. Paul's Kirche der Fall ist)
oder eine prägnante und fesselnde Ausschmückung.
Aber hier finden wir weder das eine noch das
andere, der gewählte Stil schon scheint Beides aus-
zuschliessen. Die Teile des Gebäudes, welche man
aus nächster Nähe sieht, formen sich nicht zu einem
Ganzen, und der Kontakt zwischen dem Beschauer
und dem Kunstwerk fehlt. Von all diesen Kritiken
jedoch muss der Glockenturm ausgenommen werden.
Die Perspektive auf der beigedruckten Abbildung ist
verunglückt, gerade was in Wirklichkeit glänzend
und überzeugend ist, kommt auf ihr falsch zum
Ausdruck, danach erscheint der Glockenturm von
dem Riesenkörper der Kirche ganz erdrückt, doch
dem ist nicht so. Herrlich in den Verhältnissen,
zugleich schlank und kräftig, steigt er zu seiner
imposanten Höhe (von circa 20oFuss) in wunder-
barer Linie empor, und hier endlich zeigen sich
die regelmässigen Gurtsimse aus weissem Stein als
eine wirksame Verschönerung.

Merkwürdig ist es nun zu hören, dass der
Architekt, John Francis Bentley, ausdrücklich seine
Vorliebe für die Errichtung einer gotischen Kirche
betont hatte. Man sollte denken, dass ein Künstler,
der sich mit solcher Entschiedenheit und in so her-
vorragender Weise im ursprünglich byzantinischen
Stil ausspricht, diesen stets besonders wert gehalten
hätte zur Verwirklichung seiner Ideen. Es ist etwas
beunruhigend, zu erfahren, dass ein Künstler seine
schaffende Hand so plötzlich vom einem zum andern
wenden kann. Man fühlt sich versucht, an der
Tiefe der schöpferischen Kraft zu zweifeln. Aber
sicherlich sind grosse Teile der Westminster-
Kathedrale und hauptsächlich das Innere, in seinem
jetzigen Zustande, nicht blosse Wiederholungen
einer alten Zeit, sondern originelle und
lebensvolle Lösungen eines hohen Problems. Und
dies erfüllt mich mit der freudigen Zuversicht, dass
in diesem Zeitalter und diesem Lande ohne National-
Stil doch noch ein kräftiger Sinn für architekto-
nische Schöpfungen lebt.

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