Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 2.1904

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seinen Farbenabglanz zu. lieber das Bild flattert
es hin von regen Licht- und Farben-Flocken.

Als Gast aus Wien hat sich auch G. Klimt mit
einem Damenbildnis eingestellt. Es ist mehr ein
anmutiges Farbenapercji. Gegen einen nebelhaft
violetten Hintergrund sitzt die Dame in einem
duftigen, violetten Gazekleide, einen Veilchenstrauss
an der Brust. Es ist, als verdichtete sich derveilchen-
farbene Nebel des Hintergrundes zu dem leichten
Stoff des Kleides, zum Veilchenstrausse endlich, und
in all dem Violett schwimmt das pikante Köpfchen
der Dame. Ein hübscher, sehr fein und geschmack-
voll ausgedrückter Einfall. Menschenmalerei wie
Peter Alterberg Menschenschicksale darstellt.

Unter den graphischen Arbeiten wirken Kalck-
reuths Radierungen sehr wohlthuend mit dem
ruhigklaren Rhythmus ihrer Linien. Vor allem
aber fällt eine Lithographie von O. Greiner auf,
das Bildnis des Signor Adolfo Pichler. Der im-
posante Herr mit dem Falstaffwuchs und dem
Feldherrnkopf sitzt da mit jenem Stolz auf die
eigne Lebensfülle, wie ihn Frans Hals gern seinen
Gestalten gab.

In der Skulptur herrscht die Porträtbüste vor
und es fällt auf, wie sehr die einfache Photographie
in Marmor oder Gips zugenommen hat; die Dar-
stellung des Menschen in einem zufälligen, gleich-

gültigen Augenblick, was dann diese uninteressante
Aehnlichkeit giebt, die im grossen Publikum oft
so viel Anklang findet. In einer Herrenbüste von
H. Lang gelingt es gut, das Typische in geschlossen
statuarischer Sprache herauszubringen. Die Büsten
des Grafen Harrach zeigen einleuchtende Charak-
teristik in einer weichen aber anmutigen Technik.
H. Kaufmanns Clio für das Einheitsdenkmal in
Frankfurt a. M. ist in ihrer einwandfreien reprä-
sentativen Schönheit wenig interessant. Schön in
der derben, einfachen Grösse giebt Hudler in
seinem „Träumer" das schlaffe Ruhen der schweren
Glieder eines am Boden sitzenden Mannes.

Wirklich Neues, wirkliche Bereicherung der
Sprache der Kunst bietet wohl nur August Gaul in
seinen Tierstatuen. Ausdruck und Bewegung des
Tieres sind Ergebnisse seiner Umgebung, die körper-
gewordene Stimmung der Landschaft und der Tages-
stunde. So giebt sie Gaul. Mit den ruhenden
Ziegen und Schafen haben wir zugleich die heisse
Mittagsstunde, mit den Gänsen den Herbsthimmel
über den Stoppelfeldern, an dem seltsam belebten
Strauss hängt etwas von den fremden Farben und
Lichtern ferner Gegenden. Das Tier ist nicht als
Symbol menschlicher Leidenschaft gefasst oder als
Anekdote, nein, die Tierseele als individualisiertes
Stück Natur ist hier statuarisch hingestellt.

HEINRICH ZÜGEL, WIDERSPENSTIG

KUNSTLERBUND-AUSSTELLUNG MÜNCHEN

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