Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 6.1908

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AUS WALDMÜLLERS
HINTERLASSENEN SCHRIFTEN*

Seiner Excellenz dem Herrn Staatsminister
Anton Freiherrn von Schmerling Grosskreuz des
Ost. Leopold-Ordens etc. etc. etc.
Eure Excellenz!

Ich erlaube mir diese Zeilen an Eure Excellenz
zu richten, in denen ich eine getreue durchaus
wahrheitsgemässe Darstellung der Verfolgungen,
und moralischen Misshandlungen zu Ihrer Kennt-
nis zu bringen beabsichtige, und es der Gerechtig-
keitsliebe Eurer Excellenz anheim stelle, darüber
zu entscheiden, ob mein Verlangen nach einer
Rehabilitierung ein gerechtfertiges sei, oder nicht.
Die Verfolgungen, welche ich erlitten, haben
ihren Grund lediglich in meinem Streben die Übel-
stände unseres bisherigen akademischen Unterrichtes

* Die Jahrhundertausstellung, von der es immer deutlicher
wird, wie sehr sie Etappe gemacht hat, zeigte uns die schönsten
Bilder des Wiener Meisters, der die österreichische Kunst im
neunzehnten Jahrhundert naturalisiert hat. Arthur Roessler
stellt uns nun auch, in einem Werk, das dieser Tage erscheinen
soll, den Schriftsteller vor und erzählt uns Wichtiges von den
Menschenschicksalen Waldmüllers, indem er neben dem Künstler
den Theoretiker in wichtigen Gedankengängen zeigt.

Waldmüller hat offenbar mit Passion geschrieben. Roessler
merkt an:

„In der Hintertasche seines stets modisch elegant, ja fast
dandyhaft geschnittenen Schossrockes, trug Waldmüller immer
in grünem Umschlag ein kleines aus dem köstlichen und rauhen
Handschöpfpapier geheftetes Notizbüchlein bei sich, das er oft
hervorzog und aufschlug um mit spitz geschabtem Bleistift in
filigranzierlicher Schrift einige Zeilen einzutragen, deren Grund-
gedanken er dann daheim auf grossen Konzeptbogen ausführ-
licher darlegte."

Und über die (2_ualitäten des Kunstschreibers, der so grob
gegen die professionellen Kunstschreiber wütete, urteilt Roessler:

„Waldmüllers Prosa wirkt eigenartig durch ihre Verschmelzung
von Scharfsinn und verwunderlicher pastoraler, Ruskinischer

der Wahrheit gemäss zu beleuchten, und der Kunst
überhaupt jene Stellung zu erringen, welche ihr
in civilisirten Staaten gebührt. Dieses Streben habe
ich in mehreren Broschüren entwickelt, besonders
in jener, welche den Titel führt: Andeutungen zur
Belebung der vaterländischen bildenden Kunst.

Die in dieser Broschüre ausgesprochenen Ent-
hüllungen über den in dem akademischen Lehr-
system herrschenden Schlendrian erweckten natür-
lich das grösste Missfallen in den, diesem Schlendrian,
bei welchem sie ihren Vorteil fanden, huldigenden
akademischen Kreisen, und es ward das Anathema
über den kühnen Reformator ausgesprochen, der
es unerschrocken aussprach, was Not thue, um
dem Verfalle der Kunst entgegen zu treten.

Gehobenheit. Erstaunlich ist ihre Kraft eine ganz spezifische
Grollstimmung hervorzubringen Allerdings wurde Waldmüller
vom Wort auch oft verführt. Das Fugenmässige mancher Satz-
perioden, die Klangwerte gewisser Wortbildungen, sinnlicher
Reiz und ästhetische Form, entzückten ihn. Allmählich fand
er Gefallen am Material, und dies erweckte ihm die Lust zur
Gestaltung. Er begann, wovon seine Handschriften Zeugnis
geben, sich um die Technik zu mühen, zu bosseln, zu stilisieren,
und wirklich gelangen ihm dann Passagen voll musikalischem
Wohllaut und eine Eindringlichkeit des Sagens, die sonst nur
begnadeten Meistern der Wortkunst möglich wird. So kann
keine bessere Monographie geschrieben werden über Waldmüller
als die eine isr, die er selbst entwarf."

Schon der hier mitgeteilte, bisher nicht edierte Briet giebt
ein gut Stück Selbstbiographie. Und der kurze Aufsatz über
Kunstkritik — die Äusserung eines Künstlers, das selbst der
Hexe Kritik in die Klauen fiel! - - ist als Kritik der Kritik
so amüsant wie aktuell. Seine Sätze sind des Beifalls der
Künstler jedenfalls heute noch sicher; möchte doch jeder
Kunstschriftsteller seine Thätigkeit so auffassen, dass auch er
mit unaffektiertem Beifall dem Wiener Meister zustimmen kann.

D. Red.

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