Bund Deutscher Kunsterzieher [Hrsg.]
Kunst und Jugend — N.F. 15.1935

Seite: 149
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Gertruö Orlinorv-Hambtirg

Von öer Wlrkung öer Kröe sus öus schmöe Auge

G. Grunow schreibt yier Ubcr Tatsachen, bic s,c selbcr ent-
deckt hat unb in lanyer Forschunysarbcit — seit i-,n — an
mehrercn hundert Mcnschcn hat nachprüfcn könncn.

Das kieinc Rapitel aus dem reichcn Gchay ikrcr Ersahrunycn
zur Farbc dUrftc imstande scin, dic Vorstcllunysschcmata,
die stch einzustcllcn pflegen, sobald Ubcr Farbcn und Farben-
wirkungcn gcsprochen wird, crheblich zu crwcitcrn und or-
ganisch zu bclebcn! E. P.

!ic Farbc ist cin Zusammcnwirken dcr Außenwclt
und des Organismus mit seincn geistigcn und
seelischcn Rräftcn.

wcnn einc Farbc in dcr reinen Anschauung
dic Netzhaut gan; ersullt hat, crschcint in unscrcm 2luge
ihrc Romplcmcntärsarbc; wir bcmerken hicr dic wirkung
im Augc selber. — wcnn wir in dcr reincn Anschauung
und Aufsassung Goethcs cine Farbe anschaucn, vcrmügen
wir auch die „sinnlich-stttliche wirkung" auf das Gemüt
(Goethcs Ausdruck) ;u erfahrcn. — wie vcrhält es stch
mit dcr wirkung der Farbc auf dic Sehtätigkcit? Hier
wird es stch in erstcr Linie um dic gcistigc und seclischc
Seitc dcs Zusammcnwirkcns handcln.

wcnn dcr Mcnsch sein Augc auf eincr farbigen Flächc
ruhen läßt, oder wenn er sein Auge anspannt (hin-sieht),
um eine Farbe wirklich ;u sehcn, kann man bemerkcn, daß
stch in seinem Auge allmählich eine physiologischc Vcrände-
rung voll;ieht, und ;war eine unwillkürliche Einstellung
auf eine bcstimmtc Sehwcise. Der Einfluß der Farbkraft
bewirkt, daß das Sehen stch nach einem ihr innewohnenden
Lharaktcr richtet, demselben entsprechend geschieht. Jede
Farbkrast bcsiyt eincn besonderen, ihr eigentümlichen
Lharaktcr.

Es muß hier hervorgehoben werden, daß bei dirsem
vcrsakren stcts eine ruhige Ron;entration auf die Farbe
und kein krankhastes Hinsehen (Fixieren) ;u walten hat.

Die Veränderung im Auge ist für einen
Lcobachter wahrnehmbar undverfolgbar,
bis das Auge die der Farbe angemessene
Haltung und Schweise crlangt hat. Schwie-
riger dagegen ist es, die betreffende Sehweise so genau ;u
erkennen, um sie mit Namen be;eichnen ;u können. Hier
wird das Feingefühl des Beobachters von wichtigkeit sein
müffen. Am leichtesten und stchersten ist die genaue Er-
kenntnis der Sehweise natürlich für denjenigen, der das
Sehen mittels der Farbc an sich selbst schon erfahren hat.
Diejenigen abcr, die an sich selber erfahren müchten, welche
Sehweisen die ein;elnen Farben hervorrufen, dürfen natür-
lich niemals ihre Aufmerksamkeit auf die sich entwickelnden
vorgänge richten oder sich von der Farbe ablenken laffen,
sondern müffen in höchstem Maße objektiv vorgehen. So-
bald man jedoch die Empfindung hat, die Farbe in Ruhe
wirklich ;u sehen, kann man versuchen, bewußt die Farbe
oder die Umwelt in derjenigen Haltung und Art ;u sehcn,
welche das Auge durch die Farbe angenommen hat. Man
wird dann fühlen und erkennen, daß das Augc scharf oder
trübe blickt, betrachtet, beobachtet, schaut usw., je nach der
wirkung eincr Farbe. .-> -7

r.,M»'kann auch seschehen, datz der Mensch eine Farbe an-
schaut und ihm nach einiger Zeit ;um Lewußtsein kommt,
daß er dte Farbe iy bestimmtec weise sieht, sie betrachtend
anschaut, aüf sie blickt usw.' Die Sehart wird, wenn sie
Nrcht durch den Intellekt gestört wird, stets den Lharakter

ist nicht leicht, jede Gchweise grnau ;u benennen, da

wird. Es soll hier abcr vcrsucht wcrden, möglichst klare
2öc;cichnunge» ;u gcbcn.

Dem Rot cntspricht das Bctrachten , dem
Gclbrotcn das Lcobachtcn, dcm Rotviolett
cin Lcschcn; Llau bcwirkt anschcn; Gelb
hinschcn, Grün blickcn, Blauviolett ver»
inncrlichtcs Schcn, Grünblau (Gstwalds
Nlcergrün) vergcistigtcs Sehen, Braun ;u«
sammenfasscndcs Schcn. Die Helligkeit
wciß läßt das Augc schaucn, die schwar;-
weiß Mischung Silbcr ruft fcines, scharfes
Schen hervor, Grau (gedunkcltes weiß)
trübt das Schen, wcnn das Auge auf ihm
ruht; wcnn aber das Augc, gespannter, hin-
sieht ;u Grau, cs wirklich sehen ;u wollcn,
cntsteht eine Schwcise ohne besonderen
Lharakter, intellektuell gcfärbt, mecha-
nischcr A r t.

Es sind hier dic cinfachcn Farbcn und ihrc einfachen
Mischungen gcwählt wordcn, sowie die Helligkeit weiß
und ihre Mischungen und verbindungen mit der Dunkel-
hcit Schwar;. wenigcr einfache Farbmischungen vermögen
das sehcnde Auge nicht so „einfach natürlich" zu beein-
drucken. ^ -

Die in ihrem Lharakter vrrschiedenen Sehweisen siellen
Drnamiken der Farbwirkung auf das sehende Auge dar.
Man kann jede von ihnen «Is ein besiimmtes, qualita«
tives Sehen bezeichnen, in erster Linie seelisch begründet,
das wiederum qualitativ in jeder der ein^lnen Srhweisrn
lebendig sein kann. Alle diese Dynamiken sind erfordrrlich
für ein gesundes und voll erfaffendes Sehen.

Bei der wirkung drr Farbe auf das Srhen, dir A«.
schauungsart, wurde bisher die geistige, seelischk Ausam.
menwirkung bctrachtet. wie autzert sich dir wirkung
weiter im Auge selber? was sieht das Auge, wcnn e« iN B
einer bestimmten, charakteristischen weise sieht, Sehen wir
die Umwelt oder ein Bild an, nachdem da» Bla« «uf
unser Sehen seine wirkung ausgeübt hak,
so erscheinen die Dinge dem Auge nur al»
„da seiend", d. h. in grober weise; nach der
wirkung dcs Gelb sieht das Augc intensiver
hin auf die Dingc und nimmt ihre Struk«
turcn wahr; nach Rot erscheincndieGegen»
stände im Raume, in räumlicher Tiefenanorh-
nung; nach Grün (als Einheit von Gelb UNd
Blau) in Ncbeneinanderstellun g u n d

flächenhafter Anordnung; nach Silber
tritt die Zeichnung (Linie) scharf hervor,
nack Gelbrot cine fcste Statik (Höhe); nach -
Blauviolett sieht man die Gegenstände )
plastisch; weiß bewirkt Lichtvollheit^ >
Grau Trübe, Dämmrigkeit; Rotviol ett
materieller wirkende Farbigkeit; Grstn»
blau lichtvollere Farbigkeit; nach Braun -
sieht und umfaßt das Auge die Dinge tn
einem Rahmen, d. h. in eincm Umfange.

Um solche wirkungen, Erscheinungen im Auge hervor»
zurufen, ;u erfahren — die einfachste natürliche Folge einer
Sehweise — ist es nötig, mit der Farbwirkung a«f da»
sehende Auge ;u beginnen. wollte man sofort bewußt in
einer der Sehwtisen in die Umwelt oder auf ein Bild
sehen, dann könnten subjektive Einstellungsmomente leicht
;u Jrrtümern verleiten, sder die Sehweise könnte ihren

eiteNchandelt. Auge und Lharakter und ihre Natürlichkeit vkr'lieren. Sobald'sich.

ung, und es geschieht schr jedoch das Srhen m den verschiedenen Arten einigermaßew

eng mtt dem H»ry vrrbunden , entwtckelt hat, wo;u es durchaus keiner längeren Zett »der




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