Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 8.1873

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Ausstellung alter Bilder in Wien. — Die Venus von Melos.

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werden die Unterhandlungen noch fortgeführt. Auf
alle Fälle — das ergiebt schon die obige Reihe wohl-
bekannter Namen — hat Wien eine so vollständige Re-
präsentation seines privaten Bilderbesitzes noch niemals
vereinigt gesehen. Ausgenormnen von der Vertretung
wurden absichtlich alle diejenizen größeren Privatgalerien,
deren Schätze ohnehin stets dem Publikum zugänglich
sind, wie die Galerien Liechtenstein, Czernin, Harrach
und Schönborn.

Daß die vorhin genannten Privatsainmlungen nur
in einer Auswahl ihrer vorzüglichsten Bilder vertreten
sein können, verstcht sich schon aus räumlichey Rücksichtcn
von selbst. Das Komito hat sich bestrebt, durch die
Qualität seiner Auswahl zn crsetzen, was der Ausstel-
- lung etwa an Quantität abgehen mag. Es hat nur
auf künstlerisch bedeutende und kunstgeschichtlich besonders
merkwürdige Bilder sein Augenmerk gerichtet.

Eine durchaus gleichartige und kunstgeschichtlich zu-
sammenhängende Repräsention aller alten Malerschulen
darf man natürlich von einer solchen Ausstelluug nicht
erwarten. Diese giebt eben nur das Vorhandene, sie
ist der Ausdruck der Geschmacksrichtung, welche bei der
Bildung der Privatsammlungen Wien's die herrschende
war, vornehmlich in der neueren Zeit, in welcher die
meisten der bezcichneten Samnilnngen entstanden sind.
Auch hier werden wir daher wieder bestätigt sinden,
daß am reichsten nnd im Ganzen anch wohl ani besten
die alten Niederländer repräsentirt erscheinen, die
den koloristischen Sinn der Gegenwart vorzugsweise be-
friedigen und auch trotz der enormen Preissteigerung
der letzten Jahre immer noch leichter in guten Quali-
litäten zu haben sind, als Bilder anderer Schulen. Bon
dem Meister des Johannesaltars in Brügge bis auf die
Periode des FransHals, Jakob Ruhsdael und Rembrandt
werden fast alle Hauptmeister, besonders die holländischen
des 17. Jahrhunderts, in würdiger, einige, wie z.B. Frans
Hals, in glänzender Weise vertreten sein. Demnächst
folgt eine stattliche Reihe altdeutscher Bilder des 15.
und 16. Jahrhunderts, von der Colmarer Schule an-
gefangen bis auf die Nachsolger Dürer's und Hvlbein's.
Endlich werden auch die Jtaliener nicht fehlen, so schwer
es immerhin fallen mag, bei scrupulöser Auswahl diese
Schule in einer derartigen Aiisstellung ebenbürtig zu
vertreten. Wir machen besonders einige oberitalienische
Meister namhaft, von denen trefsliche und bisher nur
sehr wenig bekannte Gemälde zur Ausstellung kommen,
wie Marco Marziale, Bernardino Luini, Moretto da
Brescia, Jacopo Francia, Alesso Baldovinetti, Angelo
Bronzino u. A.

Die eingehende Würdigung des Gebotenen wird
Sache der späteren Berichterstattung sein. Wir glauben
aber, daß unsere kunstfreundlichen Leser schou aus den
obigen kurzen Andeutungen die Gewißheit schöpfen werden,

daß die Aufgabe, welche sich das Komitö bei der Ver-
anstaltung dieser Ausstellung gesetzt hat, mit allem Ernst
erfaßt und in gediegener, der Würve der Kunst ent-
sprechender Weise durchgeführt werden wird. Unter den
Reichthümern der Kunst und des Gewerbfleißes, welche
den Slrom der Besucher aus allen Theilen der Welt
anlocken, dürfte diese Vereinigung der Perlen alter Malerei
aus dem Wiener Privatbesitz gewiß einen der erfreulich-
sten, Herz und Auge wahrhaft erquickenden Punkle bilden.

Die Venus von Melos.

Veit Valentin. Die Hohe Frau von Milo.
Eine ästhetische Untersuchung. Mit 4 Tafeln zum
Theil geometrischer Zeichnungen. Berlin. Druck
und Verlag von G. Reimer. 1872.

Jn dem ersten Jahrgange der Zeitschrift für bil-
dende Kunst wurde bei Besprechung eines Erstlings-
werkchens von Veit Valentin bereits darauf hinge-
wiesen, daß in seiner Betrachtungsweise sich eine neue
Methode herausarbeite. Diese hat ver Verfasser in seinem
neuesten Werke in strengster Entwickelung durchgesührt
nnd mit einem gewissen Selbstbewußtsein der „archäolo-
gischen" Methode als die „ästhetische" gegenübergestellt-
Das Werk, in welchem er dies thnt, und welches der
Betrachtnng eines der hcrvorragcndsten Werke des Alter-
thums, der Venus vvn Melos, gewidmet ist, bietet zu
viel Znteressantes und Eigenartiges dar, um ihm nicht
eine etwas längere Betrachtung zu schenken. Eine solche
wird gnt thun, nicht der Folge des Bnches sich anzu-
schließen, sondern dasjenige, was sich aus die Methvde
als solchc bezieht, und was in dem Werke erst gegen
das Ende auftritt, vorweg zu nehmen.

Valentin geht in der Untersuchung, wie weit die
Schlüsse auf die ehemalige Beschaffenheit nnd die Be-
deutung von Knnstwcrken aus deren Vergleichung mit
anderen ähnlichen zutreffend und berechtigt sind, der ar-
chäologischen Methode, welche darin ihre Hauptstärke hat,
sehr energisch zu Leibe. Er wcist darauf hin, daß mau
es hier doch stcts nur mit einem Analogie-Schlusse zu
thun habe, der, nur mit der grvßten Vorsicht angewendet,
zu einigermaßen sichern Resultatcn führen könne. Er
fordert daher mit Recht, daß nur die Analogien für
wesentliche Merkmale solchcn Schlußfölgcrungen zi>
Grunde gelegt werden, die als wissenschaftliche Ergeb-
nisse gelten wollcn, und behauptet, daß die oft schr
wcnig übereiiistimmcnden Werkc, welche in der Archäo-
logie zu Reihen zusammengefaßt zu werden pflegen, nur
mit llnrecht zur gegenseitigen Erklärung und Ergänzung
benutzt werden. Aber setbst auf diesen geringen Grad

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