Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 18.1883

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254 Die Prvgrmmiic imd dic Entwürfe für das Parlaiiieiitsgcbliude iu Berliu

eines Ölgemäldes steigerin Was die dargestellten
Gegenstände betrifft, so sind sic besonders auf Tapeten
sehr häufig, weil sie sich wie wenig andere für reihen-
Ivcise Anordnung von Bilvern eignen. „Iws rüoits
äo t'^noisn ll'ostsnront ont . . . äo tont tonrps tonrni
ü lu tuxisseris tos niotits lss ptns briitants, Krüos
ii t'ationäg.no6 spigus gni lss oaraotdriss," sagt
Miintz in Lem oben crwähnten Werke.

Eine andere Reihe von sehr wirknngsvollen Ta-
peteu des 16. Jahrhuudcrts, Nr. 27, 28, 29 der Aus-
stetlung, bringt Darstellungen aus der Geschichte des
Apostels Paulus. Der außerordentlich schvne, Latirte
Baldachin (Nr. 18) voni Jahre 1566 zeigt an seiner
Rückivand Pluto und Prvserpina und in den vicr Eckcn
dicser Wand in Rundbildchen die Atlegoricn dcr Jahres-
zeitcn. Reiche italienisirende Ornauicnte sütlen allc
übrigcn Flächcu diescr hervorragenden Arbeit cines
niederländischen Ateliers aus. Dic Datiruug fiudet sich
an den Schäften der Sänleu, ivclchc das Mittclfcld der
Rnckwand ftaukiren. Links: rechts: „1566".

Nicht ohne Jntercsse sind die zusammengehörigen
Stiicke: Nr. 53, 54, 55, sämtlich luvuvgraniinirt und
uiit deni Oudenarder Fabrikzeichen versehen. Sie
stellen drci von deu Thatcn des HeraklcS vor: Hcra-
kles, die stpniphalischen Bvgel jagend, Heraktes den
neinelschcn Lvwen würgcnd und die iiberivindnng der
lernäischen Hydra durch dcn Hcros. Sie gehören
gleichsalls dem 16. Jahrhundert an.

Die ausgestellten Tapisserien des 17. und 18.Jahr-
hunderts stehen den bisher erwähnten an künstlerischem
Wert größtenteils nach. So sind z. B. die drei Nach-
bildungen Raffaelischer Wandgemälde vhne Wirkung
und können als Belege dafür dienen, daß die Prin-
eipien, nach deneu sür bestimmte feste Oberflächen
komponirt wird, sehr verschieden sind vvn denen, welche
die Kompvsition ciner bcweglichen, faltbaren Fläche
beherrschen müssen. Das Betonen von Hauptgegen-
ständen durch Fvrm, Farbe und Sitnirung stört die
Flächenwirkung des Teppichs.

Auch die auf der Ausstellung besindlichen Nach-
bildungen der Rubens'schen Gemälde aus dem Cyklus
der Geschichte des Consuls Decius Mus*) diencn hiefür
als Beispiele. Einen ctwas befferen Eindruck macht
die Suite Nr. 47 bis 52 nach KartonS vou I. Jor-
daeus und I. Fyt. Sie ist schon vvn vornherein
dekorativ komponirt, wvrauf auch die breite architek-
tonisch gehaltcnc Umrahmung jedes einzelnen TeppichS
hindeutet.

Einen Rest von Tapetenwirkung zeigen noch die von
Jodveus de Vos zwischen 1712 und 1721 angcfertigten

*) Die drei ausgestellten Teppiche entsprschen den Ölge-
mälden Nr, 89, 91 u, 92 der Liechtenstein-Galerie in Wien.

Gobelins, welche des Kaisers Carl V. Kämpfe gegen
die Mauren zum Gegeustande haben. Die berühmten
Kartons zu diesen Gobelins sind von Jan Cornelisz
Vermeyen gemalt nnd befinden sich gegcnwärtig im
Depot des Wiener Belvedere. Sie bei der Gelegen-
hcit der Gobelins-Ausstellniig gleichfalls ans ihrer Ver-
bvrgenheit hervorzuziehen, wäre nicht ohne Jnteresse
gewcsen. Übcr die Kartons des Vermeyeu und Lie
nach denselbcn ursprünglich noch im 16. Jahrhundert
durch Guilleaume Panuemaker ausgeführten Tcppichc
hat I)r. Jlg i» unserer Zeitschrift (9. Bd., Bcibl. Nr.
20 n. 21) Ausführliches mitgeteilt.

Noch mliffen drci Gobelins der Ausstellung er-
wähnt werden, Ivelche nach den durch G. Audran's
Sliche sehr bekannten Gemälden von Charles Le Brun
vcrscrtigt sind. Dic Gobelins bringeu zwei Stücke aus
dem Bilde: Übergang Alexanders Ubcr den Granieus
(gestochen auch vvn S. le Clerc), und zwar die rechte
und linke untere Ecke, nnd als drittes ein Stück (links
unten) ans der Schlacht bei Arbela. Dic Gemälde,
jctzt als Nr. 70 und 71 im Lonvre befindlich, wurden
von 8e Brun mit einigen anderen von ca. 1661 bis
1668 direkt für die Gobelins ausgeführt.

Durch ihre Bezeichnung mit Namen sind inter-
effant Nr. 36 nnd 41 Vvn Henri Reydams und Nr.
44, 45 und 46 von Daniel Eggermans, Nicht zu
vergesseu sind viele luxuriöse Portisrcn mit den reich
umrahniten Wappen des Herzogs Leopvld von Lvth-
ringen und seiner Gemahlin Elisabeth-Charlotte von
Orleans. Diese Teppiche tragen fast ausuahmslos die
Bezeichuung: „b' I ^ tt^OOL ^ L 8 N

Dankenswert wäre es gewesen, wenn der Katalog,
der nur ein kurzes Verzeichnis der ausgestellten Gegen-
ständc enthält, in einer Einleitung übcr die Tcchnik
und dic Geschichte der gewirkten Tapeten zur Orien-
tirung des Publikums beigetragen hätte.

Das Arrangement der ganzen Ausstellung könnte
gut gcheißen werden, wenn nicht große und ost be-
deutsame Stücke der Gobelins durch allzu üppigen
Pflänzenschmuck verdeckt wären.

Th. Frimmcl.

Die j)rogranmie und die Lntwürse für das
Ptarlainentsgebäude in Berlin.

(Schluß.)

Dcr 1872 mit dem crsten Preisc gekrönte Eutwurf
von Bohnstedt verdankte seincn Sieg seiner monu-
mcutalcn Gestaltung. Jm Bohnstedtschen Entwurfe
ist die Westseite entschieden als Haupt- oder Vorderseite
behandelt. Jn der Mitte dieser Front ragt die impo-
sante, an ein Triumphthor crinnernde, vben halbkreis-
förmig abgeschloffene, gegen den Platz offcne Halle em-
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