Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 18.1883

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Nr. 27.

s8. Iahrgang.
Beiträge

sind an j?rof. Dr. <L. non
Lützow (wien, There-
sianumgasse 25) oder an
die verlagshandlung in
teipzig, Gartenstr. 8,
;u richten.

19- April

Inserate

ü 25 für die drei
Mal gespaltene j^etit-
zeile werden von jeder

s883.

Beiblatt zur Zeitschrift für bildende Kunst.



Das Raffael-Iubiläum in Urbino.

Arezzo. 6. April 1883.

Jn den letzten Tagen des März sahen die Räume
des alten Schlosses der Montefeltro, an denen die
Erinnerungen jener glanzvollen Zeit der Elisabeth
Gonzaga und des Baldassare Castiglione haften, wieder
einmal eine dicht gedrängte Schar festlich gekleideter
Damen und Herren in sich versammelt. Zwar fehlte
die farbige Pracht des Hofes, wie ste dereinst dort
herrschte, aber was das moderne Staats- und Städte-
leben Jtaliens an Körperschaften, Munizipalitäten und
Vereinen aufzuweisen hat, die Leiden Kammern, die
Provinzialverwaltung, die Städte und Ortschaften im
weiten Umkreise, die Kunstwelt Jtaliens, zahlreiche
Akademien des Jn- und Auslandes waren repräsentirt,
um das Andenkeu des edelsten Meisters italienischer
Kunst, des größten Sohnes von Urbino, zu feiern.

Gewiß würde die Festlichkeit einen noch viel
glänzenderen und volkstümlicheren Charakter angenom-
men haben, hätte die Jahreszeit sich nicht in so rauher
Weise fühlbar gemacht. Am ersten Tage siel Schnee;
wer — wie der Verfasser dieses Berichtes — bereits
am 26. abends die gewundene Bergstraße hinanfuhr,
erreichte die Stadt unter Donner und Blitz, durchnäßt
von einem Platzregen, wie er in den Tropen kaum
ausgiebiger vorkommen kann. Erst mit dem zweiten
Festtage, dem 29., zeigte der Himmel sich günstiger
gestimmt, und als wir Gäste aus dem Norden wieder
von den umbrischen Bergen Abschied nahmen, kehrte
der junge Frühling endlich ein, als wollte er deujenigen

Forschern Recht geben, welche die Überzeugung hegen,
daß Raffael in Wahrheit nicht am 28. März, sondern
am heutigen Datum, dem 6. April, geboren ist.

Jn mancher Hinsicht mußte man übrigens die
Ungunst des Himmels auch als ein Glück betrachten.
Wo wäre Quartier zu flnden gewesen in dem kleinen
entlegenen Örtchen, wenn die ohnehin schon beträcht-
liche Zahl der Besucher sich verdoppelt oder verdrei-
facht hätte? Derjenige konnte ohnehin von Glück
sagen, dem es gelang, durch Anmeldung bei dem Fest-
komitö ein Zimmer in dem einzigen, übrigens ganz
leidlichen Hütel der Stadt oder bei einem der Bürger
von Urbino gastliche Aufnahme zu finden. Abgesehen
von der Wohnungskalamität war indessen für das leib-
liche Wohl der Teilnehmer trefflich gesorgt, die offizielle
Bewirtung sogar eine wahrhaft opulente. Die beiden
Festessen, welche von der Stadt und von der Akademie
von Urbino, am 28. und 29., den GLsten gegeben
wurden, hätte Castiglione als mustergiltig in seinen
„Cortigiano" ausnehmen können.

Die eigentliche Feier begann am 28. mittags mit
einer Versammlung im großen Saale Les Schlosses,
welcher zu diesem Zweck mit einer Estrade versehen
und in Rot, Blau und Gold glänzend dekorirt war.
Von der Mitte der Langwand gegenüber den Fenstern
schaute eineBronzebüste Raffaels von Papi auf die fest-
lich bewegte Menge herab. Nach einigen Begrüßungs-
worten des Präsidenten der Akademie von Urbino hielt
Cav. Marco Minghetti die Festredc. Beim Anhörcn
dieses etwa 1 h^stündigen, ebenso formvollendeten wie
gedankenreichen Vortrags mußte sich ber Zuhörer sagen,
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