Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 18.1883

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Kunstlitteratnr.

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Allegorien eines Coustou findet. Dcis zweite Relief
glich in der Behandlung und in der Gruppirnng der
Figuren jenen Wachstableaux, bei welchen in einem
vertiesten Rahmen die aus Wachs bossirten Ptippchen
so neben- und hintereinander gesetzt werden, daß man
den Eindruck eines Gemäldes empfängt. Das Motiv
der Darstellung bildete jene errcgte Scene in der
Sitznng der Stände vom 23. Juni 1789, in welcher
Mirabeau dem Abgesandten des Königs zurief: „Wir
sind hier durch den Willen des Volkes und werden
nur der Gewalt der Bajonette weichen." Sieht man
von der durchaus malcrischen Auffassung ab, so muß
man der Lebendigkeit in der Charakteristik der zahl-
reichen, von tiefer Erregung erfullten Figuren volles
Lob zollen. Freilich war es dem Künstler nicht ge-
lungen, bei der Wiedergabe der unbedeckten Köpfe mit
den völlig uniform frisirten Haaren die Klippe der
Monotonie zu umsegeln.

Unter den übrigen Werken der Plastik nahm die
in Marmor ausgefllhrte Gruppe von Barrias, „Das
erste Begräbnis" (Adam und Eva mit der Leiche Abels),
dcren Gipsmodell im Salon von 1878 erschienen war,
die erste Stelle ein. Es ist aber bezeichnend, sowohl
für die Unbeständigkeit des Pariser Geschmacks, als
auch für die Dauerhaftigkeit der Salon-Erfolge, daß die
Marmoraussührung eines Werkes, welches vor fünf
Jahren als eine Meisterschöpfung gepriesen und mit
der Ehrenmedaille belohnt worden war, jetzt nur noch
mit kühlem Respekt empfangen wurde, obwohl der
Ernsr der Auffafsung, die tiefe Tragik der Stimmung
und die gediegene, jeden leichten Effekt verschmähende
Durchführung der Details höchster Anerkennung würdig
sind. Ndolf Nosenbcrg.

Aunstlitteratur.

Die Martinikirche in Breslau und das v. Rechen-
bergsche Altarwerk in Rlitschdorf. Breslan
1883. 4.

Der Verein für das Museum schlesischer Alter-
tümer hat in der zu dem 25jährigen Jubiläum des
Museums herausgegebenen Festschrift zwei Curiosa der
Kunst des Mittelalters und der Renaifsance zur allge-
meinen Kenntnis gebracht, wofür die Kunstfreunde Ur-
sache haben, dankbar zu sein. Das eine, die Martini-
kirche in Breslau, dargestellt vom Regierungsbaumeister
M. Salzmann, bietet infolge entstellender Umbauten
gegenwärtig von außen so wenig Bemerkenswertes, daß
der unscheinbare Bau wohl der Aufmerksamkeit der
meisten Besucher Breslan's entgangen sein mag. Der
Verfasser weist nach, daß der kleine Bau, der ursprüng-
lich als Burgkapelle diente, die in gotischer Zeit seltene
Form eines Achtecks mit vorgeschobenem, polygon ge-
schlossenem Chore besaß. Es ist also dieselbe Anlage,

welche auch die Karlshofer Kirche in Prag noch jetzt
anfweist. Ob cin Einfluß des cinen Baues auf den
andern stattgefunden hat, muß dahingestellt bleiben.
Da die Formen des Baues, besonders in dcr zierlichcn
Blendgalerie des Jnnern, den Charakter der entwickel-
tcn Gotik tragen, so darf man die Entstchung dcs
Baues in den Anfang des 14. Jahrhunderts setzen.
Der Verfasser giebt auf zwei autographirten Tafeln
die restanrirte Darstellung des Äußeren und Jnneren,
die Blendarkaden des Chorcs, den jetzigen und dcn
ehemaligen Grundriß, dies alles in charakteristischer
Form, die indes bei dem kleinen Maßstabe sür die
Prüfung der Einzelheiten nicht ausreicht. Eine größere
Darstellung der charakteristischen Profile wäre wünschens-
Wert gewesen.

Nicht minder interessant ist die Abhandlung vom
Direktor vr. Luchs über das Altarwerk in der Kirche
zu Klitschdorf im Kreise Bunzlau. Dieser Altar scheint
allerdings, so viel ich mich entsinnen kann, ein Unicum
zu sein, denn die Stifter mit ihrcn Angchörigen knieen
zu beiden Seiten der Altarstufen, während die Altar-
wand sich triumphbogenartig in der Form damaliger
Epitaphien aufbaut und im mittleren Bogenfelde einen
großen Kruzifixus zeigt. Darüber eine Attika, mit
korinthischen Säulen geschmückt, zu beiden Seiten niedere
Aufsätze von ähnlicher Behandlung. Ob die sechs
Kinder, welche auf den oberen Gesimsen knieen, ur-
sprünglich neben den übrigen Familienmitgliedern unten
angebracht warcn, läßt sich nicht erkennen. Das ganze
Werk, das der Zeit unserer Hochrenaifsance angehört,
scheint in Holz geschnitzt zu sein, und verrät offenbar
die Hand eines vorzüglichen Meisters.

DerVerfasser weist in seinem sorgfältig gearbeiteten
Texte nach, daß wir in den Figuren der Stifter den
1588 verstorbenen Caspar von Rechenberg, seine Ge-
mahlin Katharina von Schaffgotsch-Neuhaus und ihre
Kinder und nächsten Verwandten zu erkennen haben.
Die Entstehung des Werkes setzt er in den Ausgang
der siebziger oder den Anfang der achtziger Jahre des
16. Jahrhunderts. Auf zwei autographirten Bild-
tafeln hat der Maler Blätterbauer in Liegnitz den
ganzen Altar sowie die einzelnen Figuren ausdrucks-
voll und charakteristisch dargestellt. Es wäre aber sehr
wllnschenswert, daß diescs ebenso bedcutende wie origi-
nelle Werk durch photographische Aufnahmen genauer
bis ins Einzelne vorgeführt würde, um es nach seinem
ganzen künstlerischen Verdienst gebührend würdigen zu
können.

Den größeren Teil der Schrift nimmt eine Ab-
handlung zur Geschichte des Museums schlesischer Alter-
tümer ein, aus welcher wir mit Jnteresse Kenntnis
von dem tüchtigen Wachsen und Wirkcn des Vereins
entnehmen. W. Lübke.
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