Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 18.1883

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Dis Sondsrausstellungen textiler Kunst im Museum schlesischer Altertümer zu Breslau.

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Tierdessins ausgestatteten Seidenstoffen bestehenden
Altarantependien. Die einzelnen Stücke sind meterbreit,
zum Teil seine Gewebe oder schwere Brokate, durch-
weg mit den üblichen Tiermustern der palermitanischen
Periode verziert. Wir übergehen die srühen Arbeiten
norditalienischer Seidenkunst des 14. Jahrhunderts und
wenden uns zu der prächtigen Reihe der Seiden- und
Samtgewänder aus der Triuniphzeit der italienischen
Webekunst, der Epoche des xomins ä'umour. Pracht-
stück reihte sich hier an Prachtstück. Die Stoffe, durch-
weg nur als vollständige Caseln erhalten, zeichneten
sich in erster Linie durch die überraschende Erhaltung
der Farben aus. Die Glut des Kermesrot, das über-
satte, im Samt in eigentümlichen Lichtern spielende
Jndigoblau, und ganz besvnders ein herrliches Metall-
grün verraten noch nichts von den Künsteleien der
modernen Retorte, dienen aber als die besten Belege
zu den Aufzeichnungen der Tessitori von Florenz, wie
sie uns im Trattato: I/urts ckstts, sstu in b'irsnris^)
erhalten worden sind. Gerade diese Abteilung der
Ausstellung bildete gewissermaßen den Glanzpunkt der-
selben; wir begegncten hier den ausgesuchtesten Pro-
dukten, welche die Kunst des Seidenwebens am
Ausgange dcs Mittelalters auf dem Gipfel ihrcr Ent-
wickelung zeigte. Die Lebhaftigkeit der Farben, das
Verwenden mehrerer Farben zugleich, besonders in
Samten als vst1u.ti sotoruti, die Technik des Webens
an und für sich, sowie das Talent, dem damals ton-
angebenden Granatapfelmnster immer wieder neue
Formen abzulocken, war hier zu bewundern.

Ein sehr wertvolles Stück slandrischer Webekunst
war durch eine Brokatcasula geboten, welche das
kolossale, fast fußhohe Flächenornament des Granat-
apfels in vollster Zeichnung verzierte. Andere Samm-
lungen besitzen nur höchstens ein Stück dieses seltenen,
von Gold strotzenden Prunkstoffes. Die Goldfäden
liegen auf einem gelben Seidengrunde und das Muster
unterbricht in schwachem Relief ein kermesroter schillern-
der Samt.

Anch die nächstfolgende Periode, die Zeit der
Renaissance, war durch eine Anzahl klassischer Muste-
rungen vertreten. Ein umfassenderes Bild lieferten
aber erst die Gewebe des 17. Jahrhunderts. Das
kleine Streumuster, namentlich in den bunten italieni-
schen Samten auf Satingrund, die nach Art des
16- Jahrhunderts dichtgemusterten Seiden und die
prunkenden Möbelstoffe venezianischer und spanischer
Manufakturen charakterisirten die erste große Hälfte
des 17. Jahrhunderts, die farbenreichen, von üppigem
naturalistischem Dessiu überschütteten Gold-, Silber-

1) Herausgegeben von Girolamo Gargiolli, Firsnze.
1868, Kap. Xlll-LXXVI.

und Seidenstoffe die zweitc kleinere Hälfte dieses Säku-
lums. Lpon hatte damals den Preis errungen. Die
Ausstellung war ungemein reich an Seidengeweben
dieser Zeit, da das Museum neben größeren, voll-
ständigen Kvstümstücken auch jedes Pröbchen, soweit das
Muster sich noch erkennen läßt, zu sammeln bemüht
ist. Den Beschluß der Ausstellung machten halbseidene
schlesische Kaffee-- und Tischdecken mit figürlichen Dar-
stellungen aus der Zeitgeschichte, Erzeugnisse der Hirsch-
berger Gebirgsgegend aus dem 18. Jahrhundert; serner
bunt gedruckte Leinenstoffe, mit Welchen England um
1800 den Kontinent überschwemmte, und endlich deutsche
kleingemusterte, mcist einfache Seiden der Empirezeit.

Ein nicht minder wertvoller Schatz war in der
zweiten Ausstellung der Stickereien, Häkel- und
Knüpfarbeiten vor deni Besucher ausgebreitet. Es
Werden wenige Sammlungen eine solche Kollektion
mittelalterlicher und auch späterer Stickereien, von
welchen fast jede cin Prachtstück genannt werden kann,
aufzuweisen haben.

Eine stattliche Reihe reich dekorirter Kelchtücher
aus dem 14. und 15. Jahrhundert, aus den alten
Breslauer Kirchen zn St. Maria - Magdalena und
St. Elisabeth stammend, repräsentirten zunächst die
Leinenstickerei. Der Kenner weiß diese Seltenheiten
zu schätzen. Die Ausstellung eröffnete ein großes Bor-
stecktuch mit breiter gestickter Borte in einer Art feinstem
Flechtenstich aus dem 14. Jahrhundert. Das Muster,
wie auch die Technik, ist äußerst selten; ersteres besteht
aus quadratisch stilisirten Pflanzen, sog. „Bäumchen",
mit regelmäßigem, am untersten Stamme beginnenden
und nach zwei Seiten strebenden Geäst, ähnlich der
Konstruktion der altorientalischenLebensbäume?) Blauc,
grüne nnd rote Seide mit spärlicher Zuthat von Gold-
fäden sind in angemessener Verteilung verwendet. Glück-
licherweise besteht die Borte — einige Stellen find
defekt — aus drei aneinandergenähten Stücken, so daß
zwei verschiedene Muster sich erhalten haben. Daß
dieses ca. 30 em hohe Bäumchenornament in ähn-
licher Anordnung auch in Frankreich im Mittelalter
verbreitet war, geht aus einer Mitteilung Viollet-Le-
Duc's hervor, welcher dasselbe auf einem Evangelien-
pultbehang aus dem 14. Jahrhundert vorfand?) Aus
Deutschland giebt Bock^) ein ähnliches Muster von
einem Manutergium. — Die vollen kleinen Borten am
Saum erinnern an altsicilianische Muster.

Dann folgten Arbeiten in regulärem Kreuzstich
in bunter Seide, Stücke von bester Erhaltung und
reichster Verzierungsweise, welche meist die ganze Fläche
einnimmt. Aus der stattlichen Reihe dieser dem 14.

1) Vergl.Racinet, Das polychrome Ornament, Taf.IV.

2) Ilict ram. ün mobilisr Iri^s. 8. v. „lntriiw.

3) I,. s. Bd. III, Taf. 4.
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