Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 18.1883

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70g Die Sonderausstellungen textiler Kunst im

und 15. Jahrhundert angehörigen Stickereicn erwähnen
wir vier merkwürdige Manutergienborten mit 18 ein
hohen, sich gegenüberstehenden Greifenpaaren und da-
zwischengesetzten Bäumchen; der übrige Flächenraum ist
von den bekannten naiv stilisirten Tierfiguren, Vögeln,
Pfauen, Hirschen und Hunden belebt. Ausbesserungen
dieser Borten, welche Ubrigens zu zwei Kelchtüchern
zusammengcnäht sind, haben, nach den Stickereien zu
schließen, um 1500 stattgefunden. Eine ganz muster-
hafte Borte mit Eckstück fand sich am Kelchtuch Nr. 10
(des Kataloges), dieselbe ist im sog. „Stielstich" in
dichter Linienanordnung ausgeführt.

Eine prächtige Kollektion mittelalterlicher Leinen-
stickereien sah man von kvstbaren Velen und Kelch-
tüchern, Arbeiten im Plattstich auf mittelfeinem Stramin-
leinen, zusammengestellt. Die üppige Verzierungsweise
der Spätgotik, wie sie der Pinsel auf manches Stück
Pergament malte, findet sich hier aus die Fläche eines
Leinengewebes vst von fast grobem Korn übertragen.
Die Wirkung der kunstvoll verschluugenen Ranken in
vollster Polpchromie niit reicher Durchsetzung von Gold-
fäden ist überraschend. Zwischen den Ranken sind häufig
Heiligenfiguren und Stifterwappen eingeschaltet. Eins
der Tücher in überladener Ornamentirung ist mit
„1504" bezeichnet.

Eine zweite Abteilung bildeten die mittelalter-
lichen Bildstickercien: die Flach- und Reliefarbeiten.
Die zahlreichcn Caseldorsalkreuze, die Hostienschachtcln
(bursus) und sonstigen Paramente überstrahlte ein
Unicum der Reliefstickerei, welches zu den wert-
vollsten Stücken des Museums zählt und zu welchem
sich schwerlich ein Analogon in so hochentwickelter Tech-
nik auffinden lassen wird. Es ist dics ein aus dem
Ratsschatz der Stadt Breslau stammendes Pracht-
dorsalkreuz aus der zweiten Hälfte des 15. Jahr-
hunderts. Jn der Mitte sieht man in hohem Relief
ausgeführt den Gekreuzigten auf einem Kreuzstamm
von echteni Goldblech. Jn Erstaunen setzt die Kennt-
uis der Anatomie, welche die geübte Hand der Stickerin
in der Behandlung des nackten Körpers des sterbenden
Erlösers an den Tag legt. Adern und Muskeln sind
genau sichtbar und Hanpthaar und Bart in vollendeter
Naturtreue wiedergegeben. Aus den Wunden des Kruzi-
fixus strömt das Blut, welches von Engeln in goldenen
Kelchen (wirllichen Goldschmiedearbeiten) aufgefangen
wird. Oben ist in einer geflammten Strahlenaureote
die Madonna, rechts und links sind die beiden Johanncs
dargestellt. Unter dem Kreuz, unter einem frei ge-
arbeiteten Baldachin, stehen dic heilige Hedwig und die
heil. Helcna mit goldenen Krönchen. Auf dem ebeu-
salls erhaben gearbeiteten Rande, einem starken Gold-
kordonnet, sttzen in Gold gefaßte Quarzite, Amethyste,
Topase, italienische Glassteine ic. Alles übrige ist

Museüm schlesischer Altertümer zu Breslau.

on rsliok in orientalischen Goldfäden, bunter Seide
und Hunderten von Pcrlen allcr Größen, dazwischen
auch Ttirkiseu, gestickt. Der Gruud ist durch über-
fangene Goldfäden gemustert. Zweifellos gehört dieses
prächtige Dorsalkreuz zu den vorzüglichsten Kunstwcrken
der spätmittelalterlichen Stickerei.

Auch die folgenden Jahrhunderte bvteu höck)st
wertvolle und seltene Stücke. AlleVerfahrungsweisen der
neueren Zeit, besonders des 17. und 18- Jahrhunderts,
waren vertreten. Deni 16. Jahrhundert gehörten einige
runde Jnuungsschilde an, welche sich durch reiche, zum
Teil erhabene Goldstickerei der Applikationsarbeit im
Renaissancestil auszeichneten. Hervorragende Leistungen
hatten aber besonders die bunten Plattstichstickereien aus
Leinwand oder Musselin des 17. Jahrhunderts auf-
zuweiseu. Die Technik ist hochvollendet, selbst die deli-
katesten Arbeiten sind doppelseitig ausgeführt und die
Muster bieten die interessantesten Kompvsitionen zur
Verzierung der Fläche. Die meisten dieser Stücke waren
übrigens auch zu kirchlichem Gebrauch bestimmt und
Stistungen kunstgeübter Frauen. Nächst einer zweiten
Reihe Plattsticharbeiten auf Seidcugrund interessirten
besouders die ApPlikationSarbeiten in deulscher Manier
aus dem 17- und 18. Jahrhundert. Ledertapeten und
Applikationsstickereien siud echte Kinder jener Zeit, d. h.
des Stils Louis XIV. Beachtenswert war in dieser
Kategorie von Stickwerken ein Antependium, ehemals
der Maria-Magdalenenkirche angehörig: die Stickerei
zeigte die Jnkarnationsteile der Figuren nach mittel-
alterlicher Weise aus Pergament hergestellt, welches in
Wasserfarbcn bemalt war, die vegetabilischen Dar-
stellungen dagegen in Chenille gestickt. Geradezu ein
Curiosuin der Sticktunst des 17. Jahrhunderts war
eine breite Antependienborte, deren Anfertigung zweifel-
los große Mühen verursacht haben mag. Den Grund,
auf welchem die Stickerei ausgesührt ist, bildet ein
weitmaschiger Filetröseau aus Pnrpurseide. Diesc uu-
sichcre Unterlage mußte die Stickerin stelleuweise ver-
leiteu, nicht im Plattstich weiter zu arbeiten, sondern
zu filiren, zu knüpfeu vder die Seidensäden glatt zu
legen und mit Überfangstichen zu befestigeu. Die Borte
ist, bei einer Länge von 3,70 ru, 22 orn hoch, und
enthält fortlaufende Darstellungen aus der Geschichte
der Kiudheit Jcsu.

Außerordentlich vicl des Jnteressanten boten die
gewöhnlichen Leinenstickereien des 17. Jahrhunderts,
ferner die Filetarbeiten, Häkeleien und Weißstickereien,
letztere zum größtcn Teil dem 18. Jahrhundert ange-
hörig. Wir erwähnen von diesen nur ein Prachtstück
altitalienischerLeincnstickerei, im Flechtenstich auf Purpur-
seide, ein schmales Tuch von 2,80 nr Länge und 70 oin
Breite. Dasselbe ist von Stickereien förmlich über-
schüttet. Die Bordüre trägt Früchte und Blüten, im
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