Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 18.1883

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Eine österreichische Strmme über das Niederwald-Denkmal,

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über der Figur des Kriegers ein Eichenkranz, iiber dem
Frieden der Lorbcer; bliihende Linden erheben sich über
dcm heimkehrenden Helden, An den Ecken sollen die
Palmenzwcige cm die Gefallencn erinnern. Anf der
Vorderseite stehen schmucklos die Wvrte:

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1870. 1871.

„Bor dem Denkmale ist in weitem Bogen ein
Fahrwcg angelcgt, welcher rechts nnd links aus deni
Walde hervortritt; durch eine gewaltige Mauer, auf
welcher zahlreiche Flammenträger und Pechbehälter
angebracht sind, wird die Terrasie gegen den steilen
Bergabhang hin geschntzt, Von hier führt eine breitc,
prächtige Freitreppe empor, zunächst zn einer Bronze-
tasel, welche die von dem Kaiser bei der Grundstein-
legung gesprochenen Worte verewigt: „Wie mein könig-
licher Vater einst dem preußischen Volke an deni
Denkmale bei Berlin zurief, so rnfe ich heute an dieser
bedeutungsvollen Stelle dem deutschen Volke zu: „Den
Gefallenen zum Gedächtnis, den Lebenden znr An-
erkennnng, den künftigenGeschlechtern zur Nacheiferung!"
Der breite Absatz der Freitreppe ist von einer Mauer
begrenzt, von welcher rechts und links ausgebogene
Treppenanlagen auf den eigentlichen, vor dem Denk-
male errichteten Aussichtsbalkon führen. Stufenmäßig
ansteigend erhebt sich nunmehr der eigentliche Bau des
Postaments, welches bis zu der Figur der Germania
vierundzwanzig Meter hoch schlank emporsteigt. Um
den Unterbau noch breiter und massiger zu gestalten,
wurde das ungleiche Terrain zu einem nach rechts
und links erweiterten Treppenbau benützt, zu dessen
beiden Seiten gewaltige Steinkandelaber sich erheben.

„Begiebt man sich von Ler obern nach der untern
Terrasse zurück, so wächst die auf dem Postamente
stehende, zehn Meter hohe Germania fast bei jedem
Rücktritte vor unseren Augen und beherrscht, von dem
unteren Ende des Platzes gesehen, unangefochten die
ganze weite Fläche und die ganze Gegend in unerreich-
barer Schönheit. Hier ist nun Alles das reinste Eben-
maß; es ist, als ob man Bergeshöhen und Baumlängen
anf diesem waldigen Gipfel abgemesien und in eine
Proportion zu dem Stein nnd Erz gesetzt hätte, aus
welchen KUnstlers Hand ein unvergängliches Werk ge-
schafsen hat."

Die folgenden Abschnitte gelten Lem damals, als
der Autor schrieb, noch bevorstehenden Feste, Wir
lassen ihnen die zukünftige Form, um nichts an der
Stimmung des Ganzen zn ändern. Lorenz schreibt:

„Wenn in den nächsten Tagen die Nation in
ihren HLuptern auf dieser Terrasse versammelt sein
wird, so wird die Welt ein Schauspiel erleben, des-
gleichen die Kunst- und Staatsgeschichte nur wenige
oder keines kennt. Ein in allen Teilen vollkommen
gelungenes Kolossalstandbild, in der Zeit von sechs
Jahren vollendet und von einem sechsnndachtzigjährigen
deutschen Kaiser eingeweiht, der in seinem dreiund-
siebzigsten Jahre den erstaunlichsten Feldzug gemacht,
von welchem die Kriegsgeschichte erzählt. Tausende
und Tausende von Deutschen aller Stämme werden
versammett sein, und inmitten dieser großen Civili-
sation, welche wahrnehmbar ist, so weit das Auge
reicht, wird man zum Kriegsgotte des Jahres 1870
ein Dankgebet senden, daß er es sein mußte, welcher
die lang vermißte Einheit und Einigkeit geschaffen und
welcher die Jungfrau Germania aufstehen und dic
Krone Karls des Großen hoch in die Lüfte erheben hieß.

Jnmitten dieser friedlichen Landschaft werden sie
sich an die furchtbaren Tage erinneru, an welchen
Ströme von Blut für diejenigen Güter des Volkes
geflossen sind, von welchen die Philosophen zuweilen
behauptet haben, sie wären natürlich und dem Men-
schen angeboren. Aber die Denksäule da oben auf
dem Niederwalde hat eine andere Philosophie verewigt,
und Nationalsreiheit und deutsches Kaiserrecht sind hier
auf einen Denkstein gesetzt worden, welcher auf drei
Seiten des gewaltigen Vierecks in langer blutiger Liste
Namen eingeschrieben hat, wie: Weißenburg, Wörth,
Spicheren, Mars - la - Tour, Rezonville, Gravelotte,
Beaumont, Sedan, u. s. w.

Auch selbst aus diesem Denkmale haben die drei
steinernen Quartseiten der Weltgeschichte nicht Platz ge-
habt, um alle Großthaten und alle Schreckenstage zu
verzeichnen, welche der eherne Kampf zwischen den
beiden fortgeschrittensten Nationen der Welt im Gefolge
hatte. Über manchem innern Zank hat man hüben
und drüben vieles vergessen, denn das Gedächtnis der
Menschen ist — man soll sagen glücklicherweise — kurz,
aber eines dürfen die Deutschen heute, wo eine Periode
historisch und Politisch abgeschlossen ist, in den nächsten
festlichen Tagen ohne Überhebung von sich rühmen:
kaum jemals hat eine große Nation bescheideneren
Gebrauch gemacht von der ungeheuren Wasfenüber-
macht, welche das Denkmal auf dem Niederwalde
verherrlicht. Mögen sich doch ja dieser unleugbaren
Thatsache alle die Nationen erinnern, die bei dem
Feste vertreten sein werden; ja zu diesem Ende wäre
es vielleicht erwünscht, daß dort auch die Natiönchen
erscheinen würden, welche an den östlichen Grenzen
des deutschen Reiches durch sonderbarliche Sprünge
heute beweisen zu wollen scheinen, wie viele Tagereisen
wir vom Niederwalde entfernt sind."
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