Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 19.1884

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Die historische Ausstellung der Stadt Wien.

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Ein ähnlicher Teppich, Nr. 105, behandelt einen
verwcmdten Gegenstand: „Herzog Carl v. Lothringen
nach der Entsatzschlacht" und gchört wohl derselben
Zeit und Fabrik, streng genvmmen aber nicht derselben
Suite an, wie der obenerwähnte. Denn er zeigt
eine wesentlich verschiedene Bordüre und ist ungleich
höher als der Teppich Nr. 149. Ein dritter Wand-
teppich der Ausstellung (Nr. 786) schlicßt sich in jcder
Beziehung an Nr. 105 an. (Jahrbuch I, S. 223,
Nr. 11).

Unter den in dem Saale befindlichen Olgemäldcn
nenncn wir in erstcr Linie ein Schlachtcnbild (Nr. 733),
welches laut Angabe des Kataloges die Bezeichnung lloan
vv^olc 1693 führt. Das Gemälde, das im Kolorit
gewisse Berdienste beanspruchen darf, ist von vr. Fr.
Perlep in Wien ausgestellt. Es hängt sehr hoch, so
daß wir die Bezeichnung nicht unterscheiden konnten;
ebenso ging es uns' mit einem vom Stift Heiligen-
kreuz eingeschickten Gemälde, gleichfalls eine TUrken-
schlncht vorstellend (Nr. 414) und angeblich mit
„UuKsnckas pinxit" bezeichnet. Nr. 134, das lcbcns-
große Bildnis von Kaiser. Leopold I., zeichnet sich vor
vielen anderen ausgestellten Bildnisscn durch Nvblcsse
der Auffassung aus.

Unter den Werken der Skulptur dürften die lebens-
volleMarmorbüste des Kaisers Leopold I. (aus der zwei-
ten Gruppe der Knnstsammlungen des Kaiserhauses)
uud die Marmorstatuctte des Kurfiirsten Maximiliau
Emannel von Baycrn (aus dem Nationalmuseum in
MUnchen) als die bedeutendsten anzusehen sein.

Unter den im großen Saale ausgestellten Kunst-
gegenständen müffen ferner zwei auffallende Gold-
schmiedearbeiten besprochen werden. Es ist ein großer,
reich verzierter Pokal und eine ebensolche Schüssel
mit Gcstell. Der Pokal (Nr. 168 des Katalogs)
ist im Stile des Rococo ausgeführt, über ^
hoch, trägt viele Darstellungen, welche sich auf eine
Belagerung Wiens durch die Türken beziehen und weist
zahlreiche Markcn auf. Mehr scine räumliche Größe
als der künstlerische Wert zeichnen diesen Pokal aus,
wclcher Eigentum der Wicncr Bäckergenossenschast ist.
Die erlvähnte Schüffel (Nr. 188) ist voni Grafen
Branicki ausgestellt und soll dem König Joh. Sobieski
gehört haben, deffen Bilduis in ganzer Figur den
Deckel dcr Schale bekrönt. Der Katalog wcist anf
die „späten Formen" der Schüffel hin und läßt deshalb
die angedeutete Bezichung zu Sobicöki (geb. 1629
f 1696) nickt gelten. Was dic „späten Formen" an-
belangt, so liegt darin gewiß etwas Richtiges; doch
kann ich eine Bcnicrkung nicht unterdrücken. Das Ge-
stell und der Dcckel der Schüssel haben gewiß spätcre
Formen, als sie der Zeit Svbieski's entsprechen, und
gehören etwa der Mitte des 18. Jahrhunderts an.

Die Schüssel selbst aber und die Figur des Sobieski
sind älter. Letztere erscheint auch bei näherer Betrach-
tung gar bald als ein Bestandteil, der ganz unorga-
uisch angefügt ist. Dic vierseitige große plumpe Plinthe
paßt ganz und gar nicht aus den in den leichten For-
men des Rococo gearbeiteten Deckel. Die vier Reliefs,
welche an den Seiten der Sckale symmetrisch verteilt
sind, weisen im Stil, in der Technik, in den Kostümen
ebenfalls nicht aufs 18., sondern aufs 17. Jahrhundert.
Das Gestell ruht aus vier Adlern. Der Reif, welcher
die Schüssel trägt, ist durchbrochen gearbeitet und wird
von vier Säulcn gchalten, zwischen dercn Kapitälen
sich bogenförmige Bändcr mit Jnschriften befinden.
Dic Jnschriftcn beziehen sich zwar auf die Reliefs der
Schale, entsprechen aber nicht ihrer Reihenfolge: ein
Umstand, der noch wciter die Thatsache bestätigt, daß
Schüssel und Gestell nicht zu gleicher Zeit cntstanden
sind. Wärcn Schale und Untersatz zugleich oder gar
von demselben Goldschmiede verfertigt worden, so hätte
man zuversichtlich die Reliefs und Jnschriften in Über-
einstimmung gebracht. (Die Bänder könnten übrigens
auch späterhin Verlvechselt worden sein). Wenn aber
nun an dem Ganzen, wie aus dem Gesagten erhellt,
Schüffel und Untersatz streng geschieden werden müffen
und wenn die Schüffel die Merkmale der Kunst des
17. Jahrhunderts zeigt, so liegt eigentlich kein Grund
vor, die Tradition, welche die Schüssel mit König
Sobieski in Verbindung bringt, zu bekämpfen. Man
hat eben die Reliquie des 17. Jahrhunderts im folgen-
den Jahrhundert in würdiger Weise montiren lassen.
Was die Aussührung der Schüssel betrifft, so verdienen
bcsonders die Reliess einige Beachtung.

An technischem Geschick aber stehen unsere abend-
ländischen Arbeiten dcs 17. und 18. Jahrhunderts
denen der gleichzeitigen Türken größtenteils nach. Wie
elegant und zweckmäßig zugleich sind nicht all diese
Waffen und Geräte! Wie prächtig stellt sich nicht
das Zelt des Kara-Mustapha dar, das zum Teil in
applizirter Seidenstickerei ausgeführt ist. Der Katalog
giebt eine ausführliche Beschreibung desselben und fügt
(S. 170) solgende Angaben Lber die Provenienz hinzu:
„Bis in die 50er Jahre befand sich diese kostbareReliquie
ini k. k. Arsenal zu Wien, wohin sie . . als Siegcs-
trophäe gelangt war. Jn der genannten Epoche wurde
sie ausgemustert und kam außer Gesicht, nm nach
Jahren von Prof. Eisenmenger zufällig in Mähren ent-
deckt und erworben zn werden." Ganz abgesehen von
dem histvrischen und technischen Jnteresse, bietet das
Zclt auch reiche Gelegenheit znm Studium orientali-
scher Ornamentik. Denn übcr und llber ist es mit
dem mannigfachsten Zierwerk bedeckt. — Jn Beziehung
auf Ornamcntik sind aber ganz besonders die Buch-
malereien zn beachten, welche man in einer kleinen
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