Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 19.1884

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Nr. 37.

19- Zahrgang.
Beiträge

sind cm ssrof. Dr. L. von
kützow (Micn, There-
sianunigasse25) oder an
die verlagsbandlung in
^kipzig, Gartenstr. 8,
zu richten.

26. Zuui

Inserate

ä 25 j?f. fnr die drei
Mal gespaltene ssetit-
zeile werden von jeder
Buch- u. Kunsthandlung
angenommen


Beiblatt zur Zeitschrift für bildende Kunst.

Erscheint von Mktober bis Lnde Iuni jede woche ain Donnerstag, von )uli bis Lnde September alle Cage, für die Abonnenten der „Zeitschrift
sür bildende Aunst" gratis; sür sich allein bezogen kostet der Iahrgang 9 Mark sowohl im Buchhandel als auch bei den deutschen

und österreichikchen s)ostanstalten.

Inhalt: Ludwig Bichter s-. — Zwei historisch merkwürdige Bilder des Lueas Lranach in Madrid. — Neue Schriften über die Darstellung des
jüngsten Gerichtes. — Lntdeckung eines Lolumbariums; Fund einer Büste des Anakreon. - Florenz: Mandteppiche aus Medieeischem
Besitz; Die spanische Ausstellung in Berlin. — Aus Aoblenz; Die Aeimsche Mineralmalerei; Medaille Leo's XIII. ; Denkmal sür August
Riedel; Denkmal sür ssaolo veronese; Grabdenkmal für viktor Lmanuel in Rom. — Neue Bücher und Zeitschristen. — Inserate.

Kunstchronik Nr> 38 crschcint am 10. Juli.

Ludwig Richter f.

Jm Totcnbuche der deutschcn Künstlerwelt wurdc
am 19. Jnni ein großcr Naine eingetragen. An
diesem Tage schloß Lndwig Richter die Angen. Wir
erheben, indem Ivir seines Todes gedcnken, kcine bittere
Klage nnd fiihlen nicht den scharfen Stachel des
Schnierzcs. Denn Lndwig Richters Lebcn war inncrlich
nnd äußerlich cin vollendetes. Am 28. September 1883
seierte er seinen achtzigsten Geburtstag. Wir alle haben
dieses Fest frvhlich nnd dankbar mit ihm begangen.
Wir haben die Gunst des Schicksals gestriescn, welchcs
ihm den Rückblick auf ein langes, ruhig glückliches,
rciches Leben gcwährte, und uns herzlich gefrent, daß
er noch von unseren Lippen hvren konnte, wie tief scin
Bild in unsere Hcrzcn eingegrabcn sei. Aber dcr Meistcr
selbst hat es ausgesprochcn, daß er bercits dcn Feicr-
abend seines Lebens angetreten habe. Seine künstlerische
Wirksamkeit war schon seit längercr Zeit geschlossen,
sein Leben als thätiger Künstler vollendet. Was wir
an Ludwig Richter unter vielen anderen Vorzügen mit
Recht besonders bcwunderten, war die unwandelbare
Treue, mit welcher er, so lange er atmete, an seinen
Jdealen festhielt. Zahlreiche Wandlungen in unserem
Knnstlcbcn sind an ihm vorübergcgangcn. Ludwig
Richtcr hat in seiner srühcstcn Jugend noch die Fcsseln
der akademischcn Manier dulden müsscn; er wurde dann
ein Genosse der römisch - deutschen Künstlergemeinde,
welche durch hellc Begcistcrnng sür die höchstcn Anf-
gaben der Kunst die Kraft gewann, jene Fesseln zu

brechen; er war ein Zeuge, wie das Reich cines Cor-
nelins cmporstieg, nnd mußte noch den Nicdcrgang
dieseS Rciches nnd einen nencn Wechsel in den Zielen
dcr Knnst, die rasch anschwcllende Herrschaft dcs Rea-
lismus crleben. 2hn haben allc diese Wandlnngen
wenig berührt, dem Glaubcn an seine Ideale nicht
abwendig gemacht. Richter hätte diese Glanbensstärke
nicht bewahren können, wenn er nicht von der liber-
zcngung der ewigcn Wahrhcit seiner Ideale wärc gc-
tragen worden. Und diese Überzcngung war keinesivegs
cine bloße subjektive Meinung, sondern baute sich anf
gutcm, fcstem Grnndc auf. Zu allen Zeiten wcrdcn die
Mcnschen nach Wcrken der Knnst begehren, Ivetche
nicht nnr zur Bcwundcrung nnd Vcrehrnng dcs Mei-
stcrs anregcn, sondern ihn auch lieben lehren. Der
liebeuswllrdigste, zugleich der chrwürdigste Meister nn-
serer Tage war Ludwig Richtcr. Er hat keine gewal-
tigen Werke geschaffen. Die Zengnisse seiner schöpfe-
rischen Thätigkeit sind in vielen hundert kleinen Blättern
zerstreut erhaltcn, den bescheidenen Begleitern unserer
Volkslieder und Märchen, unscrer klassischen Dichtungen,
unserer Gebete. Er sprach in ihnen aber stets zur Seele
unseres Volkes, er traf in ihnen immer dcn reinen
Hcrzenston. Vor viclen andcren Künstlcrn dürfcn wir
nnsern Ludwig Richter als den volkstümlichstcn rühmen.
Und darum wird sein Andcnkcn nicht bloß in den
Iahrbüchcrn der dculschcn Knnstgeschichte, sondern
liebevoll auch im Herzen des deutschen Volkes sortleben.
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