Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 19.1884

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Korrespondenz aus München.

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zel in Weimar zu, nach dessen Zeichnungen die
Kostüme von dem Garderobenpersonal des Leipziger
Stadttheaters gefertigt wurden. Außerdem waren die
Architekten Weychardt und Weidenbach in hervor-
ragender Weise dabei thätig, indem sie für die nötigen
Prachtwagen die Entwürfe lieferten und deren Aus-
führung leiteten. Wenn auch das Prädikat „historisch"
dem Festzug nicht im vollen Wortsinne gebührte, in-
fofern er nicht aus einem das Ganze zusammenfassenden,
auf historischem Bvden entwickelten Gedanken beruhte,
so war er darum nicht minder interestant und fesselnd.
Das historische Moment kam nur in zwei Haupt-
gruppen zum Ausdruck, in der überaus farbenreichen
Jagdgruppe, welche als eine vornehme Gesellschaft aus
dem 13. Jahrhundert auf der Rückkehr von der Jagd
gedacht war, stolze Edelherren und Edelfrauen auf
mutigen Rossen, ein Rlldenmeister mit der kläffenden
Meute, ein von Ochseik gezogener Beutewagen mit
ausgeweidetem Edelwild beladen, u. s. w. — und in
dem Schützenzuge aus dem 16. Jahrhundert, dessen
Schwerpunkt der „Gabenhort" bildete, ein luftiges, von
sechs Männern in reicher Bürgertracht auf einer Bahre
getragenes Gehäuse, in welchem die „Ehrengaben" fllr
das achte Bundesschießen in blendender Pracht er-
glänzten. Nicht weniger reizvoll waren die allegorisch-
phantastischen Gebilde, mit denen der Festzug paradirte,
sowohl in der Kostümirung als auch in der Anord-
nung, so der Wagen mit dem Kolossalstandbilde des
Chiron als dem klassischen Repräsentanten der edeln
Schießkunst, einer unter Leitung des Prosessors Zur-
strassen ausgesührten ArbeitdesAkademieschülers Seff-
ner, weiterhin der Festwagen der Germania (Entwurf
vvn Weychardt), das in feinen Renaistanceformen
durchgeführte Schiff der Lipsia, die hier nach dem be-
kannten Volksliede als „Seestadt" sich geltend machte,
(ebenfalls von Weychardt entworfen), endlich in dem
überaus zierlichen Gefährt der Flora, deren Kinder,
niedliche Amoretten, Blumensträuße in ungezählter
Menge nach allen Seiten ausstreuten (Entwurf von
Weidenbach).

Jm hellen Sonnenglanze, der nur auf wenige
Minuten durch Gewittergewölk getrübt war, ent-
wickelte sich der prächtige Zug vor der Stirnseite
des Theaters auf dem durch seine Größe und seine
stattliche architektonische Umrahmung für derartige
Schaustellungen Lberaus geeignetcn Augustusplatze.
Das Bild, welches dieses Prachtforum Leipzigs am
20. Juli mit den tausend und aber tausend Zuschaucrn
in der Tiefe, an den Fenstern und auf den Dächern
der Häuser, mit der reichgeschmückten Ehrenpforte am
Eingang der Grimmaischen Straße, mit den flattern-
den Fahnen und Wimpeln u. s. w. darbot, wird allen
denen, welche es von erhöhtem Standpunkte zu über-

sehen Gelegenheit fanden, unvergeßlich in der Erinne-
rung haften.

Eine Art Niederschlag der Festlust und Festlaune
bildet die von dem Preßausschusse des achten Bundes-
schießens herausgegebene, im Seemannschen Verlage
erschienene Festzeitung (12 Nummern von je 2 bis 3
Bogen). Wir erwähnen ihrer besonders um deswillen,
weil dic illustrative Ausstattung für die Leser der Zeit-
schrift mancherlei Jntereste hat. Die Jllustration be-
zieht sich nicht allein auf die Festbauten und den Fest-
zug, sondern erstreckt sich auch auf einzelne Werke des
Kunstgewerbes, insbesondere der Goldschmiedckunst,
älteren und neueren Datums. Wir heben besonders
hervor das sogenannte Pacem, die Kette, welche die
Leipziger Schützenkönige oder Kranzherren zu tragen
pflcgten und deren prächtigste Anhängsel aus dem
17- nnd 18. Jahrhundert stammen, die Ehrengaben der
Stadt Leipzig und des Kaisers Wilhelm, und einen
Schützenpokal aus dem 16. Jahrhundert, Eigcntum
der Leipziger Schützengesellschaft. Auch sür manche
der freien Phantasie entsprungene kllnstlerische Einfälle,
welche in den Blättern der Festzeitung ausgestreut sind,
wird der Kunstfreund ein dankbares Auge haben, so
namentlich für die geistreichen Zeichnungen von Her-
mann Vogel (Plauen), Erdmann Wagner, Eduard
Unger und Otto Seitz in München.

Aorrespondenz.

München, 22. Juli.

Trotz der wenig günstigen Strömung unserer Tage
sindet die kirchliche Kunst hier noch immer ebenso er-
folgreiche wie eifrige Pflege. So hat Lud. Glötzle,
insbesondere durch eine Reihe trefflicher Arbeiten für
seine Vaterstadt Jmmenstadt im Algäu bekannt, jüngst
einen Cyklus von großen Kreuzwegbildern für den
Dom in Salzburg vollendet, der sich dem Besten an-
reiht, was seit Führich in dieser Art geschaffen worden.
Das Werk verdient um so mehr Anerkennung, als es
bei einem so unzähligemal behandelten Stoff mit der
größten Schwierigkeit verbunden ist, demselben inner-
halb der kirchlichen Tradition, deren Grenzen nun
einmal nicht überschritten werden dürfen, noch irgend
eine neue Seite abzugewinnen. Glötzle hat es ver-
standen, sich von allem Konventionalismus fern zu
halten und menschlich wahr zu sein. Auch die Farbe,
welche den Charakter von Wandgemälden im Auge
behält, verdient alles Lob, das wir dem Werke des
von der Hoheit seines Stoffes sichtlich durchdrungenen
Künstlers gerne aussprechen.

Ein anderes schätzbares Werk kirchlicher Kunst
ging jüngst aus der Mayerischen Kunstanstalt hervor:
ein großes Chorfcnster fllr die Kathedrale zu Metz mit
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