Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 19.1884

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Tizians Madonna der Familie Pesaro.

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schreibt Kirche und Monument, ohne mit einer Silbe,
bei Nennung des Altars, der Bronzen zu gedeuken.

Cicognara kcunt die Krönung, sowie die zwvlf
Apostel, scheint aber die „Asiunta" selbst nicht gesehen zu
haben. Er zollt jener die höchste Bewunderung und
zwar bis zu dcm Grade, daß er keinen Benezianer für
sähig hält, so Schönes geleistet zu haben, und kann
schließlich, nach eingehender Beschreibung an der Hand
eines beigegebenen Umrißstiches, nicht umhin, als mut-
maßlichen Meistcr Lorenzo Ghiberti, den großen Floren-
tiner, zu nennen. Selvatico kennt auch nur die Apostel
nnd die Krönung und glaubt, erstere hätten bewundernd
zu dem mystischen Vorgange hinaufgeblickt. Auch er
spricht von Florenz und der reinen Schule des Ghiberti,
und steht nicht an, die Rcliefs über alle anderen in
Venedig befindlichen derartigen Arbeiten zu stellen. Ein
lebcnder Schriststellcr, Tassini, kennt alle drei Reliefs,
zollt ihnen ebenfalls große Bewunderung, wagt aber
keinen Meister namhast zu machen.

Es wäre nun durch Archivstudien genau festzu-
stellen, wann das großartige Grabdenkmal Barbarigo
fertiggestellt worden ist und welche Meister an dem-
selben beschästigt waren; denn außer den Sarkophag-
figuren enthielt dasselbe nvch weitere neun Statuen
und reichsten plastisch-oruanientalen Schmuck: all dieses,
so weit aus dem schlechten barocken Stiche zu ersehen,
von verschiedenen Händen. Der Altar war klein und
scheint von vornherein sür den Bronzeschmuck auf seiner
„xala" bestimmt gewescn zu sein. Daß Sansovino
diescn Bronzeschmuck nicht erwähnt, giebt allerlei zu
dcuken. — Ganz unerklärlich ist mir, daß keinem der
obcngenannten späteren Autoren die Verwandtschast
mit Tizians Hauptwerk aufgefallen ist. Die jetzige
Galeriedirektion, welche die Relicfs zum zweitenmal
entdeckt hat, hatte keine Ahnung von der Geschichte
dieser kleinen und doch so hochbedeutenden Kunstwerke,
noch weniger hatte sie Lust oder Zeit, Vergleichungen
anzustellen. — Da es mir nun auch an Zeit fehlt, ein-
gehende Fachstudien, wie sie der Gegenstand verdient,
zu machen, so möchte ich die Kunsthistoriker darauf auf-
merksam gemacht haben, sich der interesianten Frage
anzunehmen und sie auffordern, uns zu sagen, an
welchen Namen sich unsere Bewunderung diesen drei
prachtvollen Bronzen gegenüber zu knüpfen hat. —
Mir persönlich scheint der Stil derselben zu rein, um
als eine Nachwirkung Tizianischer Malerei gelten zu
kvnnen. Auch müßten ,in letzterem Falle die Reliefs
erst nach Vollendung von Tizians „Assunta" fertig ge-
worden und auf ihren Altar gebracht worden sein; und
doch starb Marco Barbarigo schon 1486 und Agostino
1501. Es mtißten also bis zur Vollendung des Grab-
malcs und der Aufstellung der Bronzen mindestens
weitcre 17 oder 18 Jahre verfloffen sein, angenommen

daß sofort nach Vollendung von Tizians „Asiunta" ein
Bildhauer ihn imitirt habe.

Es ist erfahrungsgemäß wahrscheinlicher, daß die
Plastik die Malcrei befruchtet habe, als umgekehrt. —
Eine Losung der Frage dürfte nach dieser Anregung
gewiß allgemein willkommen sein.

Venedig. August Wolf.

Tizians Madonna der Familie Pesaro.

Endlich kann über die Restauration von Tizians
Madonna der Familie Pesaro berichtet werden. Zur
großen Genugthuung der Kunstfreunde wurde bekannt,
daß der Konservator des Dogenpalastes, Cav. Fabris,
durch das Ministerium veranlaßt worden sei, von seiner
restaurirenden Thätigkeit an diesem großen Altargemälde
dadurch Rechenschaft zu geben, daß er es öffentlich in
einem Saale des Dogenpalastes ausstelle. — So hat
denn seit kurzem das Publikum Gelegenheit, sich von
der Schönheit, dem unbeschreiblichen Zauber diescs
wunderbaren Bildes zu überzeugen. — Das Resultat
der Restauration ist im großen Ganzen als ein be-
sriedigendes zu bezeichnen. Besonders den großen Be-
fürchtungen gegenüber, welche angesichts dieser Nestau-
ration laut wurden und mit Spannung dem Resultat
derselben entgegenschen ließen. — Übersehen kann jedoch
nicht werden, daß das Bild ein gelecktes und an vielen
Stellen metallisch glänzcndes Aussehen erhalten hat,
daß das KUhne, Gewaltige in der Behandlung fast
durchweg gelitten hat und an manchen Partien rettungs-
los verlorcn ging.

Besonders fättt dies an der nur mit dem Spitz-
pinsel ausgetupsten Luft und den Wolken auf. Da
diese Behandlung auch den Säulen zu teil wurde, so
ist die Art der Absetzung der von Lust und Architektur
sich lösenden Figuren eine wesentlich andere geworden.
Der Marmor wurde durchweg heller, während die
Tiefe der Gewänder zugenommen hat. — Der Kopf
der Madonna hat einen weniger liebevollen Ausdruck
bekommen, wohl durch das Verschwinden wichtiger
Mitteltöne.

Bedenkt man jedoch, daß jedes alte Bild schon
durch das bloße Firnisien sein ganzes Aussehen ver-
ändert, da alle Schatten tiefer und dadurch scheinbar
alle Lichter heller werden, und wie andere hochwichtige
Bilder hier in srüheren Zeiten oft völlig dick über-
malt wurden, so wird man weniger hart urteilen und
dem Bilde noch Glück wünschen, daß es nicht schlimmer
weggekommen ist. So scheinen die herabgefallenen
Stellen gut ausgebesiert zu sein. Von den elf Löchern
im Bilde ist keine Spur mehr zu erblicken. Einzelne
der wichtigsten Köpfe sind unberiihrt geblieben. Da
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