Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 19.1884

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Kunstlitteratur.

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Simart's Versuch, die Athcua Parthenvs in Gvld
und Elfenbein zu reproduziren, hatte durch die Schuld
des Künstlers keinen Erfolg. Der Goldüberzug zcigte
einen unangenehm stumpfen Ton, die Elfenbeinteile
erschienen in trüber Färbung. Der Künstler, welcher
schwerlich von der Sache innerlich überzcugt war, hatte
cs nicht verstanden, iu die Polychromie eiuen harmo-
nischen Zug zu bringen. Wichtiger sind die Versuche,
Welche in der jüngsten Zeit Carl Cauer in Kreuznach
und Siem ering inBerlin angestellt hatten, an> wichtig-
stcn die eingehenden prnktischen Studien, welche unter
Treu's Leitung oder Beirat mehrere Dresdener Künstler,
Maler und Bildhauer, gemacht. Die gelungenen Proben
Pvlychromer Behandlung einzelner Gipsabgüsse von
Marmorwerken fallcn nach mcinem Bedünken leichter
in das Gewicht als das Wagnis einer Original-
schöpfung farbiger Porträtbüstcu, welche aus den Händen
des Bildhauers Rvb. Diez hervorgingen. Erst wenn
sich dic Polychrvmic in unscrer Kunst bewährt hat,
erst wenn lebendige Beispiele uns den Augenschein ge-
licscrt, welche Wirkung die Polychromic erzielt, wcnn
die Bemalung nicht nachträglich zu dem scrtigen pla-
stischen Werke hinzutritt, svnderu auf sie schon bei dcr
Anlage des lctzteren Bedacht gcnommen wird, sind wir
im stande, das Systcm dcr Polychromie in einer ent-
legencn Kunst vollkvmmcn zu verstehen. Wir Gelehrten
tonnen nur meiuen nnd raten, mit Vcrstandesgründen
eintreten, die Überzcugung schaffen des Künstlers Thaten
altein. Treu verhehlt sich nicht die Schwierigkeiten,
welchen sein Aufruf, sich in polychromen Werken zu ver-
suchen, gerade in Künstlerkrcisen begegncn wird. Die
künstlerische Erziehung eines ganzen Jahrhundcrts ist auf
Grundsätze gestellt, Welche die Einführung der poly-
chromen Skulptur iu weiterem Umfange verdammen.
Wir sind dahcr auf einen laugen und energischen Wi-
derstand gefaßt, um so mehr, als kaum ein rasches
Gclingen der Versuchc in polychrvmcr Plastik gehofft
werden kann. Es handelt sich nicht um cin nachträg-
lichcs Znfügen der Farbe, sondcrn um eine schon in
den plastischen Formen vorbedachte und miterwogene
Ergänzung der Wirkung durch die Farbe, also um
einen teilweisen Stilwechsel, der nicht von hcute auf
nivrgcu vor sich gchen kann. Es erscheint sogar zwei-
selhaft, verdient jedenfalls ernste Erwägung, ob der gerade
jetzt in der Plastik herrschende Stil, welcher malerische
Effekte bereits in die plastische Formenbehandlung hin-
cinlegt, dieEinführung der Pvlychrvmie begünstigen wird.
Er nimmt viele Effektc vorweg, welche in der polychromcu
Skulptur der ergänzenden Farbe vorbehalten bleiben.
Eher, so möchte ich meinen, würden sich die Anhänger
der älteren, sog. idealisirenden Richtung mit der Poly-
chromie befreunden können. Jhren Schöpfungen hauchte
die richtig durchgeführte Bemalung das feinere Leben

ein, von welchem absehen zu müssen, sie seit lange als
eine Schranke ihrer Kunst beklagen. Wir stellen die
Sache der Zukunft anheim. Unter allen Umständen
verdient die anregende und mit Überzeugungstreue
verfaßte Schrift Georg Treu's die größte Beachtung.

Anton Springer.

Aunstlitteratur.

kän Vis cl'uu Vutrloieri äs Vsriiss knr ssiriisrris
sissls, ä'uprös tss papisrs ä'skut äos Urari xar
Ollktrlss Vriarts. Vvss 136 Zruvuros et
8 ptaneliös, rsxroäuotions äss inonunisnts äu tsnips
st äss krssguss äs Unut Vöronsss. Uuris, ä. Uotti-
sskiilä. 1884. 40. XXII und 375 S.

Es ist das Erstliugswert des seither durch zahl-
reiche Publikationen um die Verbreitung der Kcnntnis
italienischer Kunst- und Kulturgeschichte in weiteren
Kreisen verdienten Verfassers, das uns hier in ver-
jüngter und, um es gleich vorweg zu betonen, nur zu
seinem Vorteil geänderter Gestalt cntgegentritt. Als
Uriarte vor einem Dezcnnium daran ging, es zu
schreiben, hatte er sich die Aufgabe gestellt, das Leben
eines jener venezianischen Edlen darzustellen, deren
ganze Existenz dem Dienste des Staates gcwidmet war
und dahcr geeignet schien, in dem lebendigen Rah-
men, in welchem sich die vielseitige öffentliche Wirk-
samkeit dieser Männer bewegte, ein Gemälde des ge-
samten Räderwerks der Negierung und Verwaltung
des Staats, der Sitten und Gebräuche des öffentlichen
und Privatlebens, der Kunstzustände, der feierlichen
Anszüge und Festlichkciten, sowie der sonstigen eigen-
tümlichen Jnstitutionen der Republik zu zeichnen. Er
hatte sich dazu die Pcrsönlichkeit des Patriziers Mar-
cantonio Barbaro auserwählt, dessen Lebenslauf (1518—
1595) in die Zeit der höchsten staatlichen und kul-
turellen Entwickelung Venedigs fiel, und begleitete ihn
nun vvn srüher Jugend an in seincr Teilnahme an
der Regierung des Staats im großen Rat und Senat,
auf seinen diplomatischen Sendungen, in den Kriegen
wider die Türken, auf den hohen Verwaltungsposten,
die er in fast ununterbrochener Reihe während eines
langen Lebens versah, als Kanzler der Universität
Padua, ais Prokurator von S. Marco, der nächst dem
Dukat höchsten Würde der Republik, endlich als För-
derer und Beschützer von Kunst und Wissenschaft. Jn-
dem der Verfasier seine Darstellung durchweg auf
gleichzeilige Dokumente stützte, gelang es ihm, ihr das
Gepräge frischer Unmittelbarkeit zu verleihen und dem
Leser ein lebendiges und treues Bild jener glänzenden
Tage der Königin der Adria vor die Augen zu zaubern.
— Was dieser daran etwa noch vermissen mochte, war
ein Heranziehen der bildlichen Darstellnng, zu dem
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