Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 19.1884

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Kunstlitteratur.

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Pokale, Waffen. Endlich ist noch die reichhaltige
Sanunlnng H. Schnßler, Kassel, zu nennen. Zahl-
reiche Krüge verschiedener Herkunft und Technik und
anderes.

Die Ausstellung enthttlt ferner eine grvße Anzahl
einzelner Gegenstttnde, Nadelarbeiten und Gewebe,
Druckwerke, Pergarnente, Ledcrarbeiten, Arbeiten in
Glas, Thon, Porzellan, edlem nnd unedlem Metall,
Waffcn, Uhren, Emailarbeiten, Fächer, Dosen, Elsen-
bcin-, Pcrlmutter-, Hvlz- und Steinarbeiten, Skulp-
luren und Gemttlde. Bezüglich des Näheren verweisen
wir auf den mit grvßem Fleiß ausgearbeiteten Kata-
log, Ivelcher im Verlag vvn Th. Kay in Kassel er-
schienen ist.

Aunstlitteratur.

Trendelenburg, A., Die Laokvvngruppe und der
Gigantenfries des pergamenischen Altars.
Ein Vvrtrag. Mit zwei Nchtdrucktafeln. Berlin
1884. R. Gttrtners Berlagsbuchhandlung (H. Hep-
felder). 8- 39 S.

Dcr Verfasser wendct sich im ersten Teile gegen
Kckulv's in der Schrist „Zur Deutnug und Zeitbe-
stimmung des Laokovn" (Spemann 1883) aufgestelltes
Schlußergebnis, daß die Laokoongruppe in Anlehnung
au dic Altarskulpturen vvn Pergamon und zwar um
100 v. Chr. entstanden sei, indem er dessen Grllnde sür
die Abhttngigkeit der Lavkvongrnppe als uicht stich-
haltende nachwcist. Kekulö hatte behauptet, „die Hal-
tung dcr Hauptfigur" sei vom Relief „entlehnt".
Trendclenburg zeigt, daß die bei der Ubereinstim-
mung allgemeinster Art vorhandene „wesentliche Bcr-
schiedenheit in der Anordnuug beider Figuren" an
eine Entlehnung nicht zu denken gcstatte, daß viel-
mehr „die ganz allgemeine Ilbcreinstimmung der Hal-
tnng eine rein gegenstttndliche, gegebene sei", was Kekulo
sür deu Lavkvvn bestritten hatte. Nach Kekulo „spürt"
man sogar, „daß iu der Laokoongruppe Motive ver-
Ivendet sind, welche ursprünglich zu einem anderen
Zweck erfunden wurden": dem gegenüber weist Tren-
delenburg sehr richtig die Ungezwungenheit der Be-
wegungen nach, welche durchaus der Sachlage cut-
sprechen und sich mit Notwendigkeit aus ihr ergebeu.
Besonders hervorzuheben ist, daß er für dic Begrün-
dung der Haltung des Kopfes eine anatomische, vvu
ihm seltsamerweise im Anschluß au Kekulo's Bezeich-
nung „medizinisch" genannte Untersuchung anstellt, nnd
damit den bei zweifelhafter Auffassung einer Kvrper-
haltung allein ein objektives Urteil ermöglichenden
Weg der Fvrschung einschlttgt. Auch hier ist das Er-
gebnis der Selbstttndigkeit der Laokoonkünstler günstig:
es zeigt, daß die Haltung des Kopfes eine durchaus

sachgemttße, und somit nicht auf eine Entlehnung zurück-
gehende ist. Zur Erklttrung des Laokoonkopfes, für
welchen der jugendliche Ausdruck des Giganken uicht
paßte, greift Kekulö zu dem Kopfe eines andereu
Gigauten, der vom Laokvonküustler fortgebildct nnd
siir den Laokvon verwendet worden sei, — ein in der
That eines Künstlers von der Bedeutung des Schvpfcrs
der Gruppe sehr wahrscheinliches Verfahren! Tren-
dclcuburg zeigt, daß dieser Gigantenkopf nicht .etwa in
seiner Einfachheit „von einer königlichen Ruhe" ist,
souderu dekorativen Charakter hat. Jm zweitcu Tcile
gcht der Verfasser auf das Verhttltnis der beidcn
Werke nach ihrer künstlerischen Seite ein. Er legt
dar, daß es auf dem Wege ciner kunsthistvrischen
Weiterbildung vvm Fries zur Gruppe nur zwei Mög-
lichkeiten gttbe, eine Stcigerung zu noch krasserem
Realismus vder eine bewußte Reaktion gegen dicseu:
beides sei aber hier nicht der Fall. Die Gesamtsolge-
rung faßt er in dem Ergebuis zusammen: die Künstler
der Laokoongruppe können svmit den pergamcnischen
Altar nicht gekannt haben, — ein Schluß, der richtig
wttre, wenn es nicht nvch eine dritte Möglichkeit gttbe,
deren Erkenntnis sich Trendelenburg durch eine falsche
Verallgemcinerung vcrschlvssen hat. Er behauptet uttm-
lich, dem Einflusse des Wunderwerkes des Altars in Per-
gamvn htttten sich die Künstler des nahen Rhodvs nicht
entziehen kvnnen, wenu sie ihren Laokoou nach Errich-
tung desAltars geschaffen htttten: einauf berHöheseines
Schaffens stehender, Ler Bedeutung seiner Richtung
bewußter Meister läßt sich aber durch ein dieser Rich-
tung uicht entsprechcndcs Werk nicht ohne wcitercs u»d
mit Notwendigkeit iu ueue Bahnen ziehen, auch wenu
die grvße Masse der impvnircnden ncuen Erschciuung
zujubelt. Der britte Weg ist also der, Laß eiu gleich-
zeitiger Meister unbeeinflußt nach seiner eigenen llber-
zeugung fortarbeitet. Eine eben so falsche Verallge-
mcinerung ist eS, wenn aus der Thatsache, daß beide
Werke „zu verschieden sind, als daß sie auf gleicher
Eutwickelungsstuse stchcu könutcu", geschlvsscn Ivird, daß
ciu „gewisscr Zeitraum zwischcu der Entstchung bcidcr
liegt": dic „Entwickelungsstuscu" der Kunst siud nur im
gauz nllgemeinen Überblick richtig. Jn der einzelncu
Auwendung sind sie Eutwickeliingsstufen der Künstler
selbst; diese aber gehen nicht so gleichmttßfg vorwttrts,
daß nicht zwei sehr verschiedene, ja sich geradezu wider-
sprcchende Entwickelungsstusen zu gleicher Zeit Vvr-
handcu seiu köuutcu. Die Kunstgeschichte lehrt viel-
mehr, daß sehr httufig gerade solche widersprcchende
Richtnugen, vvn wclchen eine als Lie Weitercutwickelnng
der andereu bezeichnct wcrden muß, svbald mau die
Gesamteutwickeluug der Kunst im Auge hat, denuoch
gleichzeitig vorhanden sind, ja selbst daß die der Ge-
samtentwickelung gemäß frühere Stufe historisch später
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