Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 19.1884

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Ausstellung des Vereins der Künstlerinnen in Berlin. — Munkacsy's Christus vor Pilatus.

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Bühririg, Hildegard Lehnert, Klara Lobedan und
Margarethe Ludloff an. Auch fiir die Landschaft
hat die Ausstellnng ein Talent ersten Ranges in Frau
Luise Begas-Parmentier aufzuweisen, deren vene-
zianische, römische und sizilianische Ansichten mit einem
bci einer Fran doppelt anerkennnngswcrten Realismus
aufgefaßt sind, ohne daß dabei das romantisch-poetische
Element anßer Acht gelassen wordeu ist. Eine vene-
zianische Landschaft von Helene Sietze (Fischerhütten)
feffelt ebenfalls durch die schlichte Natürlichkeit und
Einfachheit der Auffassung. Dann sind noch einige
flott und frisch behandelte schwedische Strandland-
schaften von Johanna Budczies und einige Ansichten
aus den schweizerischen und tiroler Alpen von Marie
von Keudell zu nennen, die sich durch Klarheit und
Durchsichtigkeit des Tons auszeichncn. Minder crfreu-
liches ist über die Genrebilder und die Porträts zu
sagen, obwohl die letzteren etwa 10 Prozent der aus-
gestellten Gemälde ausmachen. Die Technik ist meist
so flau und charakterlos und die Zeichnung so unbe-
stimmt und nnplastisch, daß die meisten Bildnisse wie
kolorirte Photographien aussehen. Eine Ausnahme
machen nur das Porträt einer alten Dame, ganz iu
Weiß mit dem goldenen Hochzeitsschmuck, eine feine
koloristische Studie von Johanna Kawerau, und das
sehr energisch ausgefaßte Porträt eines alten Herrn
von Hermine Gussow. Noch höher steht das Brust-
bild einer alten Frau aus Benediktbeuren sOberbayern)
von Elisabeth Strempel, welche auch in einigen
Kohlenzeichnungen (Bauern aus derselbeu Gegend)
eine beachtenswertc Begabung für Schärfe der Charak-
teristik offenbart hat.

Dcr Berein zählt auch eine Bildhanerin, Anna
von Kahle, unter den seinigcn, die wenigstens den
Mut hat, neben Porträtbüsten auch lebensgrvße Jdeal-
figuren (hier die einer griechischen Tänzerin) auszu-
stellen. Man darf freilich, um ein günstiges Urteil zu
gewinnen, dabei nur auf die Konzeption im großen
und ganzen blicken, nicht auf die Durchbildung der
einzelnen, besonders der nackten Kvrperteile.

U.

Munkacsy's „Lhristus vor pilatus".

Noch nicht drei Jahre sind verstrichen, seit das
umfang- und figurenreichste Werk Munkacsy's das
Atelier des Kllnstlers verlassen, und schon hat dasselbe
eine Geschichte hinter sich, die fttr die ferneren Wan-
derungen des Gemäldes nur Vvu Vorteil sein kann.
Munkacsy hatte es ursprünglich zur Ausstellung im
Pariser Salou von 1881 bcstiinmt. Da er sich aber
immer noch nicht genug gethan zu haben glaubte, ließ
er den letzten Einsendungstermin verstreichen und, als

er es nach demselben anbot, verschloß man ihm die
Psorte des Salons, Iveil das Gesetz es so verlangte.
Das böse Gesetz! Baudry's „Glorifikation des Ge-
setzes", das Glanzbild jenesSalons, konnte demnach mit
doppelten Ehren bestehen: symbolisch wie künstlerisch.
Baudry brauchte sich um die Nachbarschaft Munkacsy's
nicht zu sorgen, und Munkacsy ging einem Wettstreit
mit Baudry aus dem Wege, dessen Ausgang niemand
voraussehen konnte. So gingen zwei große Wandel-
sterne ihre Bahn, ohne sich zu kreuzen, ohne daß die
Jury in Berlegenheit, ihr nativnales Selbstgefühl mit
der internationalen Höflichkeit in Konflikt gebracht
wurde. Jetzt konnten hüben und drüben Komplimente
ausgetauscht wcrden, ohne daß dic Aufrichtigkeit der-
selben durch ein Verdikt der Jury einen bitteren Bei-
geschmack erhiett. Munkacsy's Gemälde wurde in einer
Separatausstellung von dem Besitzer, Kunsthändlcr
Sedelmeyer, gezeigt und zwar, damit der Erfolg von
vornhercin durch die äußere Jnsccnirung garantirt war,
in einem Raume, der durch Vorhänge und Drapericn
in eine Art von halbdunkler Kapelle umgewandelt
war. Der mystische Dämmerschein, welcher die Be-
schauer umgab, und im Gegensatz dazu das volle, auf
das Bild herabfallende Tageslicht nahmen von vorn-
herein die Sinne gefangen. Jedermann war schon
bei seinem Eintritte fest überzengt, vor einer ganz nn-
gewöhnlichen Kunstoffenbarung zu stehen, und dieses
Prestige blieb dem Werke auf seinen Wanderungen durch
Osterreich, Ungarn und England. Jn Ungarn kam das
berechtigte Gefühl des Stolzes auf den großen Lands-
niann hinzu, der freilich alles spezifisch Nationale fast voll-
kommen abgestreift hat, und man eröffnete eine Subskrip-
tion, um das Gemälde fiir die ungarische Landesgalerie
zu erwerben. Vorderhand hat der Besitzer jcdoch den
Verkauf desselben abgelchnt, weil er zuvor noch die
Vorteile ausnutzen will, die er sich von einer Wande-
rung dnpch die großenStädte vonNordamerika verspricht-
Wenn man deu Zeitungsberichten trauen darf, soll dcr
Enthusiasmus, den das Bild erregt hat, in England
am größten gcwesen sein. Jedenfalls hat die großc
von Cl. Albert Waltner nach demselben gefcrtigtc
Radirung, freilich ein Werk von seltenen Borzllgen, iu
England die meisten Abnehmer gefnnden. Es fragt
sich nur, wie viel von diesem Beisall auf die Rech-
nung des Malers und wie viel auf die des Stcchers
kommt, welcher eine Anfgabc, wie sie zuvor noch nic-
mals der Radirnadel gcstellt worden war, mit einer
Virtuosität gelöst hat, die der künstlerischcn Kraft deS
Malers nvch in mauchen Punkten Uberlegen ist. Man
kann z. B. behaupten, daß Waltner ein bei weiteni
größerer „Harmonist" als Munkacsy ist, dessen Kolorit
in dem Maße an Haltung verliert, als es sich von
der schwärzlichen und grauen Tonbasis entfernt und
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