Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 19.1884

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Kunstlitteratur. — Sainmlungen und Ausstellnngen.

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und sein grammatisches Wiffcn auf Abwege gcführt;
indem er sich erinnerte, daß bei Marc. 4, 38 geschrieben
jkeht ot sxsnrASlis oommiimtris sst vsnto st äixit niari:
taos, faßte er die Worte auf, als ob Wind und Mecr
angeredet scicn, und setzte dcswegen den Jmperativ
sinits, indcm cr sich noch dazn in seincr Vvrlage ver-
las; auch hicr ergiebt der Jnhalt wie das obenerlvähntc
metrische Gesetz leicht die urspriingliche Vorlage; ich
bin überzeugt, daß zu lesen ist:

ingssstats snbst, vsntns st nnän silst.

Jch bemerke noch dazu, daß de Rossi allerdings mlsnt
vvrzieht; so sehr auch mir wegen des doppelten Sub-
jekts, das vorausgeht, der Plural erwünscht wäre, so
glaube ich doch wegen des erfvrderlichen Reimes an
dem Singusar silst festhalten zu müssen. Schwieriger
steht es mit dem Hexameter diefer Unterschrift; man
liest dcutlich am Ansang 6nrns ä 8 (— äens) äorinit
psriinns, dann svlgt zu beiden Seiten ciner klcinen
9ücke die vvrdere und hintere Hälftc cincs 0, daranf
II1V80 UÜI8VK6I; das lctzte Wvrt ist cntweder zn
rssui'As oder zu rsLui'Ait zu crgänzen. Nur als vvr-
läufige Vermutnng, die sür sich blvß der Wert eines
Versuches in Anspruch nimint, lvage ich fvlgendes Vvr-
zuschlagen:

6nrns Osns äormit . Usriwns . ässnsgns rssni'Ait
Najsstats jubst, vsntns st nnäa silst.

Daß der Ausruf der Jünger xsriinns mitten in die
Erzählung hineingesetzt wird, läßt sich durch die nötige
Kürze, die alles Wesentliche im Raum eines Hexameters
vereinigen niußte, allenfalls rechtfertigen. Bedenklicher
freilich steht es mit der Quantität von xsrlinns, dessen
Penultima eigentlich lang ist; es muß dazu abgewartet
werden, ob ähnliche Messungen sich aus der Zeit, um
die es sich handelt, finden. Nichl ohne Bcdenklichkeit
ist auch die Ergänzung von I8V80 zu ässusgns;
man müßte den Ausfall eines 8 und die Abkürznng
von Ous durch 0 annehmen. Vielleicht hilft hier eine
genaue Untersuchung der Jnschrift an Ort und Stelle
nvch das Richtige finden.

(Schluß folgt.)

Aunstlitteratur.

8n. Vnniniirs illiisti c «Iss Ilsunx- Vi ls. Unter diesem
Titel giebt der bekannte Pariser Kunstkenner F. G. Dumas
ein Jahrbuch heraus, welches für jeden von Jnteresse ist,
der der Bewegung auf dem Gebiete der Kunstproduktion mit
aufmerksamem Auge folgt. Der neue Jahrgang (1883) ist
besonders mannigfaltig, da der Ausstellungen heuer mehr
als genug waren. Den Hauptanteil des hübsch ausgestatte-
ten Oktavbandes (Leipzig, Brockhaus' Sortiment, S Dlk.) bildet
der Katalog der Uxxosition nationals in Paris, welche be-
kanntlich am 1S. Sept. eröffnet wurde, mit zugehörigen Ab-
bildungen (114 Seiten) in zinkotypischer Reproduktion. So-
dann folgen Abbildungen von Gemälden und plastischen
Kunstwerken, welche auf den übrigen Jahresausstellungen in
London, Paris, Berlin, Amsterdam, New-Aork, München rc.
zu sehen waren, im ganzen 150 Seiten füllend. Ein Anhang

liefert den Text zu den Bildern in Form von Berichten über
die einzelnen Äusstellungen. Den Schluß macht ein Nekrolog,
der freilich etwas dürftig ist, da er sich aus etliche im Laufe des
Jahres verstorbene französische Künstler (Lehmann, Clssinger,
Dors rc.) bsschränkt und dabei nicht sehr in die Tiefe geht.
Ratsamer und dem Charakter eines Jahrbuchs besser ent-
sprechend wäre es vielleicht gewesen, wenn der Verfasser eine
niöglichst vollständige internationale Totenliste mit wenigen,
aber genauen Daten als Anhang gegeben hätte.

x.— Königliche Musccn in Bcrlin. Von dem Führer
durch die königlichen Museen ist soeben in der Weid-
mannschen Buchhandlung in Berlin die vierte Auflage er-
schiencn. Auf 213 Seiten ist in diesem von der Generalver-
waltung der Museen herausgegebenen Werkchen eine Anleitung
zum verständnisvollen Genuß der aufgestellten Kunstwerke
gegeben Es bietet dem Besucher der Museen nicht bloß
eine Übersicht über den Bestand der Sammlungen mit Her-
vorhebung des Wichtigsten und Beachtenswertesten, sondern
enthält auch an technischen und kunsthistorischen Erläuterungen
soviel wie nötig ist, um Laien einen Begrisf von dem Wesen
und der Bedeutung der Kunstwerke zu geben.

« Jnternationale graphische Ausstellung in Wien. So-
eben ist die Prachtausgabe des Katalogs dieser Ausstellung
erschienen. Derselbe umfaßt in dieser Äuflage nicht nur das
vollständige Verzeichnis der ausgestellten Werke nebst einem
mit biographischen Daten versehenen Personalregister der Aus-
steller, sondern er ist aufierdem mit einer Anzahl wertvoller
kleiner Abhaudlungen über die verschiedenen Zweige der
graphischen Künste und mit nicht weniger als SS ganzseitigen
Abbildungen (Stichen, Radirungen, 'Holzschnitten, Farben-
drucken, Heliotypien u. s. w.) geziert. Die Abhandlungen
rühren von hervorragenden Vertretern der graphischen Künste
her; die Abbildungen wurden von den betreffenden Ver-
legern, Jnstituten und Vereinen beigestenert. Diese bereit-
willige Unterstützung hat es dem Komits ermöglicht, die
Prachtausgabe des Kataloges, welche ein würdiges litterari-
sches Denkmal der Ausstellung bildet, ungeachtet der glänzen-
den und reichhaltigen Ausstattung zu dem niedrigen Preise
von o Fl. ö. W. auf den Markt zu bringen. Der Katalog
empfishlt sich für Sammlungen und Kunstfreunde als Ilach-
schlagebuch von dauerndem Wert.

5ammlungen und Ausstellungen.

V. U. Ein ncuer Rembrandt in der Berliner Galerie.
Wiederum ist für die königl. Gemäldegalerie ein Rembrandt
ersten Ranges, welcher bisher in englischem Privatbesitze ver-
borgen war, angekauft worden. Das Bild ist 113 vm hoch
und 88 om breit und stellt in Figuren unter halber Lebens-
gröfie die Scene dar, wie dis Frau des Potiphar den Jsrae-
liten Joseph bei ihrem Gatten verklagt. Es befand sich im
Bssitze des Malers Sir Thomas Lawrsnce bis zu dessen Tode,
und später bei Sir John Neeld in Grittleton House, wo es
Bode sah und beschrieb (Studien, S. 483 ff.). Bode setzte
die Entstehungszeit des Bildes um das Jahr 1854, und er
hat sich darin nicht sehr geirrt. Denn es trägt, wie man
jetzt unter besserer Beleuchtung sehen kann, die Jahreszahl
1VS5 unterhalb der Bezeichnung Lswbranilt K. Es ist also
in jenem verhängnisvollen Jahre vor dem vollständigen Zu-
sammenbruche der Vermögenslage des' Meifters entstanden,
zeigt aber nicht die geringsten Spuren von einer Lähmung
seiner Schaffenskraft oder einer Trübung seiner Stimmung.
Wenn man auf die letztere aus dem Farbenreichtum des Ge-
mäldes einen Schluß ziehsn darf, muß er noch bis kurz vor
der Krisis auf eine Besserung seiner Verhältnisse gehofft
haben, und vielleicht hat er wirklich in den Schöpsungen
dieser Zeit alle Kräfte daran gesetzt, um seine Gläubiger durch
günstigen Verkauf von Bildern zu befriedigen. Solche Ver-
inutuiigen wären an sich müßig, wenn sie nicht zufällig durch
dis Existenz eines ganz ähnlichen Bildes in der Eremitage in
St. Petersburg einen Stützpunkt fänden. Das dortige, den-
selben Gegenstand bshandelnde Bild zeigt nümlich dis völlig
gleichen Figuren bis auf einige unwesentliche Abweichungen
in den Handbewegungen und in der Abstimmung der Ton-
werte, welche auf dem Petersburger noch nicht zu vollkommener
Harmonie gebracht worden ist. Dadurch schon charakterisirt
sich das letztere als eine Vorarbeit des Berliner Bildes, und
zum Überfluß sieht man noch deutlich, daß in der Jahres-
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