Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 19.1884

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19- Zahrgang.
Beiträge

sind an ssrof. Dr. L. von
tützow (Wien, There-
sianumgasse 25) oder an
die verlagshandlung in

27. Dezeinber

Nr. u-

Inserate

!> 25 pf. für die drei
Nk-.il gespalteno f)etit-

s885.

Beiblatt zur Zeitschrift für bildende Kunst.

Erscheint von Mktober bis Lnde Iuni jede Woche am Donnerstag, von Iuli bis Ende September alle Tage, für die Abonnenten der ,,Aeitschrift
für bildende Aunst" gratis; für sich allein bezogen kostet der Iahrgang 9 Mark sowohl im Buchhandel als auch bei den deutschen

und österreichischen ssostanstalten.

Inhalt: Aorrespondenz: München. — I. Meyer, Aönigliche Museen in Berlin; Ioseph von Führichs Briefe aus Italien an seine Lltern;

Die deutsche Buchillustration des (5. und (6. Iahrh.; L. Boito's Aunststudien. — Brauns neue p)hotographie der Sixtinischen Madonna.
— Der preußische Staatshaushaltsetat für Aunstzwecke. — Ausgrabungen auf dem Forum Romanum; Funb eines Mosaikfußbodens in
Billa Logozzo. — Der deutsche Aünstlerverein in Rom; Frequenz der letzten Aunstausstellung in Mailand; Büste Lanza's auf dem pincio
in Bonl; Aunstausstellung in Rom; Lavour-Denknial für Rom. — Reue Bücher und Zeitschriften. — Lntgegnung. — Berichtigung.

Aorrespondenz.

München, Mitte Dezember.

RZt. Zu dcn namhaftcsten Erscheinungen im
hiesigen Kunstlebcn der letzten Zeit darf mit Rccht
Ed. Grützners „Branntweinschenke" gezählt werden.
Eine Grnppe links im Vordergrunde zeigt eine Spiel-
gesellschaft mit dem Wirt und einem bärtigen Mann
mittlercn Alters, der bessere Tagc und die Welt gesehen
zu haben scheint; nm sie eine Corona von Zuschanern,
lauter echt typische Gestalten, die teils Lächeln, tcils
Mitleid erwecken. Hinter ihncn ein Kleeblatt älterer
Frauenspersonen, die offenbar einen interessanten Klatsch
über ihre lieben Nächsten abwickeln, und in der Mitte
des Bildes ein vagirender Schauspieler, auf dem Kopfe
einen stark strapazirten KlaPPcylinder, die schmale Brust
und die mageren Arme in ein fadenscheiniges Röckchen
gestcckt, an den magcren Beinen dünne, schlotternde
Hosen. Er kennt die absolute Leere seiner Tasche, sucht
aber gleichwohl mit gut gespieltem Eifer nach dem zur
Begleichnng seiner Zeche nötigen letzten Nickel. Die
Situation ist bedenklich, denn der im Spiel unglück-
liche Wirt dürfte mit dem armen Mimen kaum viel
Federlesens machen, dvch bürgt das gutmütige Gesicht
des Mädchens hinter dem Schenktische für ihr mit-
leidiges Herz und schlimmsten Falles hilft das Dienst-
niädchen aus der Not, das eben eingetreten um für
ihre Herrschaft Einkäufe zu besorgen: der Ärmste hat
ihr vielleicht noch vor ein Paar Tagen als „Künstler"
einen genußreichen Abend verschasft. Ohne alle Hoff-
nnng srcilich wäre in einem solchen Falle der abge-

rissene Bursche mit dcm spritgervtetcn Gesicht rechts
in der Ecke, der, das lcere Glas in der Hand, Hamlets
Monolog „Sein oder Nichtsein" zu deklamiren scheint.

Freiherr v. Sarter hat zur Ausschmücknng dcr
von ihm bei Königswinter a. Rh. erbauten Drachen-
burg znm weitaus größtcn Tcile Mllnchcner Künstler
gcwonnen, nntcr anderen auch Profcssor Flüggen, der
cincn Teil der ihm gewordcnen umfangreichen Auf-
träge bereits in erfreulichster Weise gelöst hat. Ein
Blick auf die von ihm ausgcführten Bilder lehrt den
Beschauer, daß noch immer Künstler unter uns lebcn,
die aus dem Borne poetischer Begeisterung schöpfen
nnd sich in ihrem idealcn Streben nicht beirren lassen.
Es handelt sich zunächst um die Darstellung zweier
der lieblichsten deutschen Märchen, des „Dornrvschen"
und des „Schncewittchen", dann um Personifizirung
deutscher Flüffe. Für die Komposilion zum „Dornrös-
chen" hat der Künstler die Scene der Erwecknng Dorn-
rvschens durch den jungen Königssohn gewählt, in
der zweiten zeigt er uns das schöne Schneewittchen
am hohlcn Baume, umgeben von den sieben Zwergen,
die ihr hulvigend Krystalle, Erzstufen rc. überreichen.
Erinnert schvn diese Komposition dnrch die Jnnigkeit
der Empfindung und dcn echten Märchenton an die
Auffaffungsweise unseres unvergeßlichen Schwind, so
gilt das in vielleicht noch höherem Grade von dem
Bilde, in welchem Flüggen den Rhein und die Moscl
zu einer herrlichen Gruppe vereint, jenen als würdigen
Greis, der begeisterten Blickes in die Saiten seiner
goldenen Leier greift, diese als jnnges Weib von üppiger
und doch kcnscher Schönheit. Weitere Kompositionen
bringen in charakteristischen Einzelsiguren die Aar,
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