Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 19.1884

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Iahrgang.

Beiträge

sind an j?rof. Dr. L. von
kützow (U?ien, There-
danumgasse25) oderan
die verlagshandlung in
^^ipZig, Gartenstr. 8,
zu richten.

6. ?1Iärz

Nr. 2s.
Inserate

ü 25 pf. für die drei
Mal gespaltene j)etit-

s88-s.

Beiblatt zur Zeitschrift für bildende Kunst.

Erscheint von Oktober bis Gnde Iuni jede woche am Donnerstag, von Iuli bis Lnde September alle ^ Tage, für die Abonnenten der „Zeitschrift
für bildende Runst" gratis; für sich allein bezogen kostet der Iahrgang 9 Mark sowohl im Buchhandel als auch bei den deutschen

und österreichischen j)ostanstalten.

)uhalt: Sollen wir unsere Statuen bemalen? — Olr. Vriarte, I,a V!e ü'un k'a.trlcien cle Venise au selrlöme siöcle. — B. Ulmann ^; A. AI.

Lhenavard -f; A. Bonheur f. Ronkurrenz für das viktor Lmanuel-Denkmal in Rom. — j)ersonalnachrichten von der Berliner Runst-
akadeniie. — j)orzellanausstellung in Berlin; Msterreichischer Runstverein; Das neueste Rolossalgemälde Siemiradzki's. — Aus München;
Rathausbau für tviesbaden; Müncheirer internationale Runstausstellung v. I. l.885. — verkauf einer Antikensammlung. — Neue

äollen wir unsere 5tatuen bemalen?

Eine kteine Schrift, welche Georg Treu unter
obigem Titel*) herausgegeben hat, verleiht der alten
Streitfrage von der Polychroune in der Skulptur
endlich dic richtige Fassung. Bisher wurde die Frage
gewöhnlich so gestellt: Habcn die Alten dic Statucn
bemalt? Die archäologische Forschung führte dabei
allein das Wort. Und ihr ist auch in der That der
vollständigeBeweis dasür gelungen, daß die alte Sknlp-
tur im ganzen Verlaufe ihrer Entwickelung, —
also nicht bloß in ihren halbbarbarischen Anfängen, so
lange die Kunst noch abhängig war vom Tempeldienste
und an den natürlichen Vorbildern streng festhielt —
bie Mitwirkung der Farbe in Anspruch genommen hat.
Mit der Feststellung dieser Thatsache war aber noch
nicht viel gcwonnen. Weder empfingen wir eincn
klaren Einblick in das von den Griechen und Römern
geübte Farbensystem und ein anschauliches Bild von
bem Eindruck, welchen kolorirte Statuen gewährten,
benn es hatten stch überall eben nur Spuren der ur-
sprünglichen Bemalung erhalten, noch wurden die
Zweifel an dem künstlerischen Werte solcher bemalten
Statuen vollkommen beseitigt. Der letzteren Frage
ging man gewvhnlich vorsichtig aus dem Wege, ließ
Zuweilen sogar ein leises Bedauern darüber einfließen,
baß die nun einmal vorhandene Thatsache der Be-

Sollen wir unsere Statuen bemalen? Ein Vortrag
vvn Prof. Itr. Georg Treu, Direktor der königl. sächs. Anti-
ten- und Abgußsainmlungen in Dresden. Berlin, R. Oppen-
heiin 1884. 8.

malung antiker Statuen die schöne Jllusion von der
farblvsen Skulptnr der Alten zerstöre. Selbst Otlo
Jahn ani Schlussc seiner Abhandlung iiber die Poly-
chromie der Altcn hält sich verpflichtet, die Griechen
in dieser Hinsicht zu entschuldigen. Nachdem er das
gleichfalls ganz fremdartige Aussehen der griechischen
Schauspieler in der Tragödie geschildert und die Ent-
täuschung, die unser harren würde, bcschrieben, wenn
wir ciner Aufführung im Theater zu Athen beiwohnen
könnten und die Schauspieler mit ihren typischen Ge-
sichtsmasken, ihren hochaufgebauten Frisuren, ihren
großen Handschuhen und Stelzschuhen erblickten, fügt
er hinzu: „daß auch die alte Kunst nicht frei von
deni Lose menschlicher Dinge war, unter Verhältnissen
sich zu entwickeln, die nicht rein aus der eigensten
Natur der Kunst hervorgegangen waren, und mancher-
lei daher rührende Elemente mit sich zu führen, die
sie weder völlig ansstoßen, noch verarbeiten konnte, ist
nnleugbar."

Und dennoch muß man sagen, daß die Frage erst
durch die Prüfung des künstlerischen Wertes Polychro-
mirter Skulpturen endgiltig gelöst wird. So lange
die Prüfung aussteht, bleibt das Jnteresse an der
Sache auf wiffenschaftliche, archäologische Kreise Le-
schränkt. Um aber dem künstlerischen Urteile eine sichere
Grundlage zu bieten, müffen mit der Bemalung der
Statuen zahlreiche praktische Versuche angestellt werden.
Diesen Gedankengang verfolgt Treu in seinem lesens-
werten Schriftchen. Er stellt die Frage so: Sollen
wir unsere Statuen bemalen? Damit überträgt er die
Untersuchung aus dem archäologischen auf das künst-
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