Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 19.1884

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19- Iahrgang.

Nr. 25.

Beiträge

smd an ssrof. Dr. L. von
kützow (wien, There-
sianumgasse25) oderan
die verlagshandlung in
^ipzig, Gartenstr. 8,
zu richten.

5. April

Inserate

ü 25 pf. für die drei
INal gespaltene j)etit-
zeilc werden von jeder
Buch- u. Aunsthandlung
angenommen

s88^.

Beiblätt zur Zeitschrift für bildende Kunst.

Erscheint von Oktober bis Lnde Iuni jede woche am Donnerstag, von Iuli bis Lnde September alle Tage, für die Abonnenten der „Zeitschrift
für bildende Aunst" gratis; für sich allein bezogen kostet der Iahrgang 9 Mark sowohl im Buchhandel als auch bei den deutschen

und österreichischen j)ostanstalten.

^nhalt.- Baffael als Architekt. - Zlusstellung des Berliner Rünstlervereins. — Richard Burnier f. — Lngere Aonkurrenz um Ausführung eines
neuen ^-tadttheaters zu L)alle a. S. — Gründung eines Aunstvereins in j)osen. — L)annover: Aunstausstellung. — Archäologische Gesell-

Raffael als Architekt?')

Bereits vor vierzig Jcihren hcit Carlo Pontani
dcr architektonischen Thätigkeit Rafsaels ein selbständi-
ges, mit 17 Tafeln ausgestattetes Werk gewidmet.
Dasselbe ist bekanntlich eine große Seltcnheit auf dem
Büchermarkte geworden. Aber auch wenn es zugäng-
lichcr wäre, kvnnte sich die Forschung gegenwärtig weder
mit den daselbst niedergelegten Resultaten, noch mit
der angewendeten Methode befreunden. Pontani hat
es nicht an Fleiß und Eifer fchlen lassen; doch besaß
er nicht den feinen Formensinn, welchcr ihn gelehrt hcitte,
Raffaels Stil von jenem der Zeitgcnossen, besonders
Peruzzi's, genau zu unterscheiden, und kannte auch nicht
die Zeichnnngen in den einzelnen Sammlungen, die
über den Ursprnng nnd die Herkunst der ausgeführten
Bauten ein so helles Licht verbreiten. Nun hat ein
anderer Forschcr mit viel reicherer Ausrüstung und
»msassenderen Kenntnissen die Ausgabe übernommen, das
Bild Naffaels als Baumcister zu zeichnen. Heinrich
don Geymüller ist in der Raffaellitteratur lcingst
rühmlich bekannt. Jhm danken wir die Entdeckung
don drei architektonischen Zeichnungen Raffaels, unter
tvelchen die Studien aus dem Pnnthcon besonderes
2nteresse erregen ck. b. n. 1870). Von ihm

rührt das wertvolle Kapitel über Raffaels Bauthätig-
keit in der großen Biographic Raffaels von E. Müntz

' Unrioo üe Osznnüllor, Knkkaeklo Knn^io 8tncliato
evnie arobitstto eon l'niuto cli nuovi cloeuinonti. Llüaiio
k884, II. Uoei>li. (Fol. mit 8 Taff. u. 7» Jlliistrationeii.)

(1881) her. Eine eingehende Schilderung cndlich des
Anteiles, welchen Raffael an dem Bau der Peters-
kirche hatte, ist dem großen Werkc über die letztere
(lss xrofsis priiniiiks) einverleibt. Auf diese Weise
gründlich vorbereitet, ging Geymüller an das vor-
liegende Buch, welches durch die sorgfältige und sach-
gemäße Bearbeitung des Textes wie durch die Fülle
der Abbildungen weitans alles überragt, was über
dicscn Gegenstand bisher geschrieben wurde.

Zwei Fragen hat sich der Verfasser gestellt und
zn beantworten vcrsncht. Wie haben sich Rasfaels
Baukenntnisse in der vorromischen Periode entwickelt?
welche Bauwerke danken Raffaels römischer Thätig-
keit den Ursprung? Den neugicrigen Sinn, welcher
überall auch das Geheimste nnd Tiefste an die Ober-
fläche gezogen sehen mvchte, wird die Lösung der ersten
Frage schwcrlich befriedigen. Geymüller will keine
Lcgende Raffacls, wie sie gegenwärtig in die Kunst-
geschichte einzubrechen droht, schreiben. Als Historiker
bescheidet er sich mit der Kunde, welche auf sicherem
Boden ruht, und sagt nicht mehr, als wozu ihm Ur-
kunden, gut begründete Traditionen und die kritische
Untersuchung der Werke selbst das Recht geben. Das
bringt freilich in Bezug auf Raffaels Erziehung zum
Architekten nur magcre Früchte. Wir wissen wenig
von derselben, können überhaupt nur wenig von ihr
wissen. Raffael ist in gleicher Art wie die Mehrzahl
der großen Architekten der Renaissance zum Baumeister
herangebildet worden, d. h. er hat so wenig wie diese
in der Jugend eine strenge Facherziehung erhalten.
Über den Baubetrieb in dcr Renaissanceperiode besitzen
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