Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 19.1884

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Kunstlitteratur.

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Zeichmmg nur dcm jüngcren Ktinstler cmgehvrcn, und ^
dcidurch bestütigt sich anch die cmf Sp. 375 dcr Kunst-
Chronik cmsgesprochene Meinung, dc>ß die linksseitige
Abbicgung des Häkchens cnn Meisterzeichcn der Sür-
lin den älteren, die rechtsseitige aber den jüngeren j
Künstler kennzeichne.

Es wäre sehr erfreulich, wenn namentlich die süd-
deutschen Fachgenossen den von Meisterzeichen beglcite-
ten Stechermonogrammen eifriger nachforschen wvllten.
Jch bin überzeugt, daß sich hinter manchem bisher
noch unerklärten Monogramm ein bekannter Bild-
schnitzer oder Steinmetz verbirgt, der wie Jörg Sür-
lin oder Veit Stoß auch mit dem Grabstichel umzu-
gehen wußte. — Es ist jedenfalls wahrscheinlicher, daß
sich namhafte Künstler auf dem Gebiet der monumen-
talen Plastik nebenher der damals noch jungen Technik
des Kupserstiches bedienten, um ihre Entwürfe zu ver-
vielfältigen, als daß der gewandteste und technisch ge-
übtcste Kupferstecher seiner Zeit, dessen hinterlassenes
Werk allein ein Menschenleben auszufüllen genügt, mit
einem obskuren, bis dato kaum dem Namen nach be-
kannten Siegelstccher zu ideutifiziren sei, ganz abge-
sehen von der zeitlichen und vrtlichcn Unmvglichkeit
einer solchen Schlußfolgerung.

Aunstlitteratur.

Aarten von Mykenai, auf Veranlassung des kaiserl.
dcutschen archäologischen Jnstitutes aufgenommen
und mit crläuterndem Text herausgegeben von
Stefsen, Hauptmann und Batteriechef im hessi-
schen Feldartillerieregiment Nr. 11. Nebst einem
Anhauge über die Kontoporeia und das mykenisch-
korinthische Bcrgland, von vr. H. Lolling. Ber-
lin, Dietr. Reimer (Reimer L Hvfer), 1884.

Jm Anschluß an die kürzlich vou uns hier be-
sprochcnen Karten von Attika hat das kaiserlich
Leutsche Jnstitut auch die alte Feste Mykenai mit
ihrer näheren Umgebung aufnehmen lassen, ein Unter-
nehmen, das um so mehr zeitgemäß ist, je mehr
Mykenai mit deu von Schliemann gefundenen Grab-
schätzen bei allen Forschungen nach der ältesten Ent-
wickelung der Kunst im Vordergrund steht; erst niit
dem Erscheinen der nnbedingt zuverlässigen topographi-
schen Aufnahme wird der sichere Untergrund geschaffen,
welcher ein Weiteres Fortbauen ermöglicht.

Das Werk besteht aus zwei Karten, 1) Mykenai
mit.Umgebung (im Maßstab von 1:12500) und 2)
die Akropolis von Mykenai (im Maßstab von 1:750);
zur Vergleichung ist auf letzterer noch die Burg von
Tiryns hinzugefügt, im Maßstab von 1:2000. Dazu
kommt die zum Text gesetzte Übersicht der argivischen
Ebene (1:300 000). Daß die Ausnahme ein absolut

zuverlässiges Bild Vvn Mykcnai giebt, so weit es sich
überhaupt durch Zeichen dem Auge deutlich machen
läßt, dafür bürgt der Name des Herru Vcrfaffcrs, dcr
als ausgezeichneter Topograph schon von den Karten von
Attika her, für welche er den Hymettos aufgenommcn
hat, bekannt ist. Auch die technische Herstellung der
Karten, in dem Pettersschen Jnstitut in Hildburghausen
ausgeführt, ist als eine wohlgelungene zu bezcichnen;
die verschiedenen, oft rasch wechselnden Höhcnlagen
komnien durch die Niveaulinien gut zur Geltuug, so
daß man ein deutliches Bild von der Figuration des
Landes gewinnt. — Der die Karten begleitende Text
ist frisch geschrieben und bietet viel Neues; man lernt
gerade bei einem Puukte wie Mykenai, dem altcn
sagenumrauschten Orte, dcu Wert der Topographic
rccht schätzen, vermöge deren es gclingt, den historischen
Kern aus der sagenhaften Überlieferung herauszuschälen.
Die Hauptresultate, welche durch die topographische
Aufnahme gefunden sind, sind folgende:

Mykenai und Tiryns sind jcdenfalls gleichen Ur-
sprungs, sie sind, im feindlichen Gegensatz zu Argos,
der eigentlichen Hauptstadt der argivischen Ebene, von
einer seefahrenden Bevölkerung erbaut, welche in Nau-
plia festen Fuß faßte uud durch Anlage von Burgeu
in der Ebene ihre Position gegen Argos zu verstärken
suchte. Der gemeinsame Ursprung ergiebt sich für
beide Orte deutlich aus der ganz genau übereinstimmen-
den Art und Weise des Mauerbaues und dem von
Hauptmann Steffen auch in Mykenai nachgewieseneu
Galerienbau, der bis jetzt nur von Tiryns bekannt
war (die Ringmauer ist an einzelneu Stellen in doppel-
ter Breite angelegt; die innere Hälfte erhebt sich, von
Hohlgängen durchzogen, über die äußere, dem Feind
zugewandte, so daß die Bcrteidiger von sicherer Stellung
aus den vor ihnen liegenden Mauerabschuitt verteidi-
gen oder nach Abgabe ihres Schuffes sich in Sicher-
heit zurückziehen können). Diese Anlage von Tiryns
und Mykenai wird von der Sage an das Geschlecht
der Perse'iden geknüpst. Nachdcm dieses Geschlecht ver-
gangen war, folgten ihnen in der Herrschast über
Mykenai die Pelopiden: auch von diesen hat die topo-
graphische Ausnahme sichere Spuren ergeben, wenn
auch verschieden von denen, welche man nach der Sage
zunächst erwarten sollte. Mykenai läßt zwei Baustile
erkennen, außer dem einen, welcheu es mit Tiryns ge-
mein hat, einen zweiten, wo neben der Festigkeit auf
die kllnstlerische Ausschmückung Wert gelegt wird. Die
Mauern werden auf der Außenseite aus Polygonen
oder oblongen Blöcken hergestellt, und das Thor mit
Reliefs verziert. Diese zweite Epoche steht nun in
engstem Zusammenhang mit einem Netz von geschütz-
ten Hochstraßen, welche Mykenai mit dem Hinterland,
Kvrinth und dem Jsthmos, verbinden; durch sie er-
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