Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 19.1884

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Ausstellung des Berliner Künstlervereins.

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letztc vom Stile entlehnte Beweis, wenn wir nur über
Rciffcicls Baustil klare Vorstellungen besäßen und diesen
schärser vom Stile Bramante's nnterfcheiden könnten.
Wohl giebt Geymüller cinzelne charakteristische Merk-
male an, die in Raffaels Bauten wiederkehren: das
sog. Palladiomotiv, ein mittlerer Bogen mit zwei
geradlinig geschlossenen Seitenöffnungen, Fenster in
Form von Tabernakeln, Rustika im Erdgeschoß und
Pilaster- oder Säulenstellungen in den oberen Stock-
tverken. Aber wenigstens dic beiden letzteren Merkmale
lreffen wir auch an Bauten Bramante's an. Erschwert
tvird die Entscheidung, ob der Stil der Farnesina mehr
an Naffael als an Peruzzi erinnere, auch dadnrch, daß
der lctztcre gleichfalls längere Zcit und zwar noch vor
Raffael untcr der Leitung Braniante's gcarbeitet hatte,
daher ähnlich wie Raffael eiuzclne Baufvrmcn seinem
Meister ablernen kvnnte. Wünschenswert wäre es ge-
wesen, wenn Geymüller eine Frage erledigt hätte,
tvelche sreilich wenigcr den Kunstforscher als dcn
Sprachkenner angeht. Vasari erzählt in Raffaels
Leben: keoo oräiuo äollo uroliikstturo äollo otullo äi
OüiAi; s uollu oliiosu äi LautÄ Nariu äol l'opolo,
I'oräiuo äollu ouppolla äi ^Aostiuo sopruäotto. Jst
lnrs 1'oräiuo mit erbauen idcntisch'? Ans dem Wort-
laute des Testamentcs Agostino Chigi's möchte man
schließen, daß die oräiuutio sich auf die innere archi-
tektonische Ausstattung eines bcreits fertig erbauten
Naumes bezieht, und an eincr Stelle scheint auch
Vasari (wo er von dem Architekten Tasso spricht) mit
diesem Ausdrucke die Herstellung eines iuneren Raumes
zur Anfnahme der Dekvration zu verstehcn.

Die Kapitcl über dic Farnesina nehmen ihrer
Wichtigkeit entsprechend einen stattlichen Raum in Gey-
müllers Buche ein. Kürzcr faßt er sich über die meisten
anderen Bauten Raffaels: die Chigikapelle, die Peters-
kirche (wobei er die Bauteile, welche unter der Leitung
Raffacls errichtet wurden, genau bestimmt), dic Vati-
kanischeu Loggien und die Privatpaläste in Nom und
Florenz. Erst die Villa Madama wird wieder in
ausführlicher Wcise behandelt. Geymüller hat für diese
Prächtigste Villa der Renaissance offenbar eine warme
Liebe gefaßt, sie mit besonderem Eifer studirt. Die
Resultate der Forschung entsprechen der angewandten
Liebesmühe. Von sieben in seinem Werke publizirten
Zeichnungen ist die Mehrzahl erst von ihm entdeckt
oder doch richtig bestimmt worden. Die Geschichte der
leider nie Vvllendetcn und im Lause der Jahre halb-
zerstörtcn Anlage tritt durch Geymüllers Untersuchungcn
vielfach in ein ncues Licht. Raffael hatte nngefähr im
Jahre 1516—1517 die Pläne für die Villa Madama
zu zeichnen begonnen. Wie ihn in seinen Fresken
Giulio Romano nnterstützte, so stand ihm bei diescm
Werke Antvnio da San Gallo hilfreich zur Scite, indem

er Raffaels Skizzen in grvßerem Maßstabc ausführte.
Auch die Ornamente in Stucco und Farbe sind von
Giovanni da Ndine noch unter Raffaels unmittelbarer
Leitung entworfen worden. Sowohl die Behauptung,
die Villa Madama sei erst von Giulio Romano nach
Raffaels Entwürfen gcbaut worden, als auch die
Mcinung, Antonio da San Gallo habe die Villa nach
dem ,8nooc>" auf Grund neuer Zeichnungen entworfen,
crweisen sich als hinfällig. Die kllnstlerische Würdignng
des Werkes, das sich so harmonisch der Landschaft an-
schloß und alle Schönheiten der Lage geislvoll aus-
nützte, die Natur gleichsam idealisirte, ohne ihr Zwang
auzuthun, mag in dem Buche selbst nachgelesen werden.
Geymüller hat sie mit wahrhaft poetischer Begeisterung
niedergeschrieben. Jn einem Schlußkapitel (Riassunto
o 6onoln8iono) werdcn dic in dcn früheren Abschnittcn
erörterten Thatsachen noch einmal zusammengefaßt nnd
vielfach ergänzt. Von Jntercsse anch für die weiteren
Knnstkreise ist die Entdeckung, daß die früher Raffael
zugeschriebene Zeichnnug in Oxsord, den Hintergrund
dcr Schule von Athen darstellend, vvn Bramante's
Hand herrührt.

Durch Geymüllcrs Bnch findet die Ansicht der
neueren Bivgraphen Raffaels, derselbe habe sich in
seincn letzten Jahren vorwiegend als Baumeister ge-
fühlt und in der Schöpfung großer architektonischer
Werke scine Lebensaufgabe erkannt, eine schöne Be-
stätigung. 8.

Ausstellung des Berliner Aünstlervereins.

Nachdem Munkacsy's „Christus vor Pilatus"
scine Schuldigkeit gethan, sah sich der „Verein Berliner
Küustler" nach einem anderen Zugstücke um, welches
ciniges Leben in seine meist sehr öden Hallen hincin-
bringen sollte, und er sand es in einem kolosfalen Ge-
mälde, welches im vorjährigen Pariser Salvn weniger
wegen seiner künstlerischcn Vorzüge als wegen seines
pikanten Jnhaltes großes Jnteresse erregt hStte: den
„Beiden Schwestern" von Charles Giron, einem ge-
borenen Genfer, welcher ein Schüler Cabanels ist. Jn
unserem Berichte über den Salon von 1883 haben
wir (s. Kunst-Chronik 18. Jahrg., S. 675) den Jn-
halt nur mit wenigen Worten geschildert, so daß eine
Ergänzung gestattet sein mag. Vor der Madeleine-
kirche ist im Gewirre der Eguipagen und Reiter, welche
um die Stunde des Diners aus dem Bois de Bou-
logne heimkehren und sich an dieser Stelle mit dem
von dcn Boulevards kommcnden Strome der Wagen
und Menschen kreuzen, eine Stockung entstanden. Die
Fußgänger benutzen den Moment, um sich glücklich
durch das Getümmcl zu winden. Eine Arbeiterfamilic
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