Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 19.1884

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Kunstlitteratur,

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wir nicht. Gern fassen wir aber den stattlichen Band,
der vor uns liegt und 99 Zeichnungen, vorwiegend
aus dein Berliner Kabinet, nebst einigen wenigen aus
englischen Privatsammlungen, enthält, als den Anfang
des monumentalen Werkes auf, welches, zu Ende ge-
sührt, dem Herausgeber, dem Verleger und nicht in
letzter Linie dem deutschen Volke — denn nur die Teil-
nahme des letzteren kann den Ersolg sichern — zu
unendlicher Ehre gereichen würde. Wir besitzen schon
manche treffliche Reproduktion in Facsimile. Mit
der Lippmannschen Publikation kann sich keine einzige
messen. Die verschiedensten technischen Verfahren wurden
in Anwendung gebracht, um die absolute Treue der
Nachbildung zu erzielen, die Aguarelle z. B. in Farben
wiedergegeben, so daß wir es in der That mit voll-
kommenen Facsimiles zu thun haben. Daß der er-
läuternde Text sich durch die größte Genauigkeit der
Beschreibung und die höchste Sorgfalt in allen An-
gaben über Herkunft und Beschaffenheit der Blätter
auszeichnet, bedarf keiner besonderen Erwähnung. Er
ist von Lippmann verfaßt.

Aunstlitteratur.

Beschreibende Darstellung der älteren Bau- und
Runstdenkmäler der provinz Sachsen. Heraus-
gegeben von der histvrischen Kommission der Pro-
vinz Sachsen. Halle, O. Hendel. 1882. 1883-

Hest IV—VIII.

Bereits bei Besprechung der ersten Heste des vor-
liegenden Unternehmens ist Zweck und Ziel desselben
klargelegt worden, und es ist daher hier nur zu kon-
statiren, daß dasselbe nicht bloß seinem Programm treu
geblieben ist, sondern sich auch innerlich, wie äußerlich,
zu einer Vollkommenheit entwickelt hat, daß es einen
hervorragenden, einen unentbehrlichen Beitrag zur
Kenntnis älterer deutscher Kunstgeschichtc bildet. Mit
pcinlicher Svrgfalt und Genauigkcit ist Stadt um
Stadt, Dorf um Dorf durchforscht, sind Kirchen und
Schlösser, Rathäuser und Privatbauten nach geschicht-
lichen oder künstlerischen Denkwürdigkeiten durchsucht
worden, und der Erfolg ist nicht ausgeblieben.

Jm vierten Heft, „Kreis Mühlhausen", das unter
Mitwirkung von vr. Heinrich Otte in Merseburg von
dem königl. Bauinspektor a. D. Gustav Sommer be-
arbeitet ist, sind es hauptsächlich die schönen gotischen,
zum Teil mit romanischen Türmen versehenen Kirchen,
welche unser Jnteresse erregen und welche dadurch von
besonderer Wichtigkeit sind, daß sie sämtlich auf den
Deutschritterorden zurückgehen, einige sogar zu dessen
frühesten Bauten gehören. Das fünfte Hest, „Kreis
Sangerhausen", von Julius Schmidt unter Mithilfe
Gustav Sommers, bringt viele, aber unbedeutendere

romanische Kirchen, und zwei wichtige Burganlagen,
Artern und Stolberg. Das sechste Heft, „Weißensee",
von Gustav Sommer, bietet am wenigsten und ist auch
nicht von gleicher Sorgfalt, wie die übrigen. Z. B.
hätte das Schloß Weißensee, das äußerlich zwar un-
scheinbar ist, aber im Jnnern wichtige, bei der Selten-
heit romanischer Profanbauten doppelt wichtige, und
dem Bearbeiter anscheinend ganz entgangene roma-
nische Reste birgt, genauer untersucht und ebenso das
andere hervorragende Baudenkmal dieses Kreises, die
Commende Griefstedt, sorgsamer besprochen werden
müssen. Das siebenteHeft, „DieGrafschaftWernigerode",
ist das erste, welches nach neuen, von der historischen
Kommission festgesetzten Prinzipien hergestellt ist. Es
zeigt beim ersten Blick, daß es von einem Ler kompe-
tentesten Erforscher und Kenner der Gegend behandelt
worden ist, von dem in weiteren Kreisen wohl be-
kannten gräflichen Archivrat vr. Eduard Jakobs. Mit
einer erstaunlichen Fülle von historischer Gelehrsamkeit
ist hier das Material zusammengetragen und gesichtet
worden. Hervorzuheben sind die rouianischen Kirchen
zu Drübern und Jlsenburg, und dann die die Harz-
gegenden überhaupt charakterisirenden Holzbauten, deren
Bedeutung und Wichtigkeit stetig mehr erkannt wird.
Das achte (Doppel)-Heft, „Kreis Merseburg", hat erst
unlängst die Presse verlassen und darf wohl als die
Krone des Werkes, soweit es bisher erschienen ist, be-
zeichnet werden. Seine Verfasser sind Pastor Or. Burck-
hardt zu Blösien und Pastor Küstermann zu Geusa.
Die Abhandlung über den weniger ästhetisch befriedigen-
den als baugeschichtlich im höchsten Grade interessanlen
Dom zu Merseburg ist geradezu mustergiltig. Auch
sind aus diesem Bande ganz besonders wichtige Resul-
tate, die so recht die Notwendigkeit einer planmäßigen
Jnveutarisirung darlegen, zu verzeichuen. Es hat sich
ergeben, daß erstens der romanische Stil, der in dcn
sächsisch-thüringischen Landen eine außerordentlich weite
Verbreitung gefunden hat, sich hier viel länger ge-
halten hat, als man bisher anzunehmen glaubte. Er
dauert bis zum Beginn des 14. Jahrhunderts an,
also noch während einer Zeit, wo in dichtester Nähe,
aber in einem anderen Bistum, schon flott und schön
gotisch gebaut wurde. Das andere Ergebnis ist der
erheblich vermehrte Beweis für das Blühen einer
thüringisch-sächsischen Malerschule uubekannter Meister
um 1500, deren Erzcugnisse, bisher uoch so gut wie
unbekannt, sich im Kreise Merseburg sehr zahlreich
finden uud in dem Franklebener Altar eine wahre
Perle unter sich aufweisen.

Die von guten historischen Kenntnissen zeugenden
Aufsätze sind sämtlich durch zahlreiche und vortreffliche
Abbildungen erläutert worden. ,

Was etwa noch zu erinnern wäre, dürfte solgen-
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