Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 19.1884

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Zwei historisch merkwürdige Bilder des Lucas Cranach in Madrid.

Zwei historisch merkwürdige Bilder des Lucas
Lranach in Madrid.

(k'ok) Dci Christian Schuchardt in seinem verdienst-
lichen Buche: „Lucas Cranach des Alteren Leben und
Werke" (3 Teile, Leipzig 1851 u. 187l) prinzipiell nur
solche Werke Cranachs beschrieben hat, welche der Ber-
fasser selbst gesehen, und da er bezüglich der ihm nicht zu
Gesicht gekommenen angeblichen Arbeiten des Meisters
nicht einmal den Standort angegeben hat, so ist sein
Verzeichnis Cranachscher Bilder mancher Ergänzung
sähig. Eine solche ist ihm u. a. auch von Waagen
hinsichtlich zweier großen Jagdstücke zu teil geworden,
welche sich jetzt unter Nr. 1006 und 1020 im National-
museum des Prado in Madrid befinden und die
Waagen in Zahns Jahrbüchern zuletzt besprochen hat.

Waagen beschrcibt diese Bilder (übrigens nicht
ganz zutrefsend) als „zwei vom Kurfürsten Johann
Friedrich dem Großmütigen gehaltene Jagden, jedes
4 Fuß 4 Zoll hoch und 6 Fuß 5 Zoll breit. Auf
dem ersten (1006) ist derselbe, gleich seinem Gesolge,
zn Pferde und mit Armbrüsten bewaffnet uud ebenso
erscheint auch die Kursürstin mit ihren Hosfräulein.
Das zweite Bild (1020) stellt eine Hirsch- und Eber-
jagd mit sehr zahlreichen Figuren vor. Auf beiden
im Hintergrunde das Schloß, die Moritzburg."
Der berühnite Kunstgelehrte erklärt dann diese Bilder
„für fleißige und ausgezeichnete Arbeiten des
Meisters".

Was den Wert der Gemälde als solche betrifft,
so kvnnen wir dem allerdings höchst prägnanten tlr-
tcil des gewiegten Kenners nnr beipflichten, da die
Komposition im allgemeinen übersichtlich ist, die Grup-
pirungen reich an Abwechselung und Vvll individueller
Züge bei Menschen nnd Ticren sind. Der aufgewcn-
dete Fleiß kennzeichnct sich insbesondere darin, daß
nicht nnr in den Hauptpersonen der Bilder, sondern
bis in die kleinsten erkennbaren Nebenfiguren die ge-
naueste Porträtühnlichkeit erstrebt und ebenso die Land-
schast bis in die weiteste Ferne mit großer Sorgfalt
vedutenhast behandelt ist. Jn letzteren beiden Be-
ziehungeu ist vielleicht künstlerisch zu viel geschehen,
allein es erklärt sich das wohl weniger aus der Laune
des Malers als aus der Natur des Auftrages, indem
dcr Kurfürst, wie mehrfach von Schuchardt (Bd. I,
S. 163, II, S. 93 und 138) nachgewiesen, solche
Jagdstücke fllrstlichen Gästen zur Erinnerung an
bestimmte Jagdtage schenkte und es hieruach darauf
ankam, die Beschcnkten sich selbst und alle Details der
miterlebten Jagd, sowie der besuchten Gegend, möglichst
sicher wiedererkennen zu lassen.

Auch auf uuseren beiden Bildern erscheint der
Kurfürst mit fürstlichen Gcisten im Bordergrunde

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und Nr. 1020 trägt an sehr sichtbarer Stelle neben
der geflügelten Schlange die Jahreszahl 1544. Das
andere Bild, welches zwar kein Monogramm mit
Jahreszahl hat, aber offenbar Pendant des ersteren ist,
erscheint klarer im Ton uud ist auch in der sonstigen
Behandlung etwas verschieden von jenem; es ist viel-
leicht das von Schuchardt in der Michaelisrechnung
Cranachs von 1543 (I. S. 163) aufgeführte Jagdstück.

Beide Bilder haben llbrigens große Ähnlichkeit
mit der Hirschjagd auf der Mvritzburg und derjenigen
im Belvedere zu Wien, die Schuchardt (Band II, S.
93 und 138) beschrieben und beurteilt hat und an
welchen beiden er dem jüngeren Cranach großen
Anteil zumißt. Die Kriterien, welche er dafür aus
dem Kolorit z. B- des Wiener Bildes hernimmt, ließen
sich aber hier etwa nur bei Nr. 1020 verwendcn, dcssen
Monogramm zudem der Nr. 9 der Schuchardtschen
Monogrammtafel in Band I sehr ühnlich sieht. — FUr
den älteren Cranach sprechen dagegen llberall die
scharfen Konturen, welche nur an einigen Stellen
der sehr schlecht erhaltenen Bilder gelitten haben, und
die svrgfältige Perspektive, die namentlich aus Nr.
1006 mit Virtuosität behaudelt ist und den altenMeister
bei seinen Landschaften (nach Schuchardt I, S. 156)
rühmlichst auszeichncle. Endlich ist für den älteren
Cranach das liebevolle Studium des Tierlebens
charakteristisch, für das er bei seinen Zeitgenossen in
grvßem Ansehen stand, und das hier ebenso mannig-
faltig wic frappant hervortritt. —

Jm allgemeinen läßt sich also Waagens Urteil
wohl bestätigen, daß unsere Bilder des älteren Cranach
vollkommen wllrdig sind; und wenn anch im Einzelnen
sich jetzt an den auf zersprungenen Holztafelu, befleckt
nnd verputzt auf uns gekommenen Bildern nicht durch-
weg mehr die Hand des Hauptes der Schule genauer
feststellen läßt, so dentet doch dic Jahreszahl des cinen
Bildes und ihr gemeinsamer Entstehungsort mit Sicher-
heit darauf hin, daß sie zu Torgau, unter Lucas
Cranachs direkter Mitwirkung und Anordnung, durch
einen Augenzeugen der Jagden gemalt sind. Hat da-
bei ein Schüler den Meister unterstützt, so wird dies
sicherlich kein Geringerer als Cranachs (von Schuchard
zu Ehren gebrachter) Sohn gewesen scin, der notorisch
sich längere Zeit mit seinem Vater in Torgau für den
Kursürsten beschäftigte.

Was nun des näheren die Darstellungen auf den
Bildern betrifft, so ist auf 1006 eine Hirschjagd ge-
schilvert, welche auf dem rechten Elbufer bei Torgau
in einem Waldc der Ebene gehalten wurde und als
deren Hauptmoment die Erlegung einer großen Menge
von Hirschen aufgefaßt ist, die in einen Teich gehctzt
werden. Die Tiere werden von vielen Reitern in
zerstreuten Gruppen, unterstützt von Hunden aller Art,
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